6. Agnostizismus in der Wissenschaft und Anthroposophie
Nun zu dem, was ich über die moralische Intuition gesagt habe. Sie erinnern sich vielleicht, daß ich im Vortrage gesagt habe, die Intuition, die ich als die dritte Stufe der übersinnlichen Erkenntnis aufgestellt habe, trete zuletzt auf. Die moralische Intuition tritt aber auch schon für das gewöhnliche Bewußtsein auf. Sie ist das einzige, was zunächst für ein Bewußtsein, das bis zu unserer Stufe vorgedrungen ist, von der übersinnlichen Welt auftritt. Die moralische Intuition ist einfach eine von einer höheren Stufe auf unsere Erkenntnisstufe herunterprojizierte Intuition. Das habe ich im Vortrage klar veranschaulicht. Deshalb habe ich auch von dieser moralischen Intuition zuerst gesprochen, nicht nachher. Ich habe sie als den Ausgangspunkt bezeichnet. Man lernt sie erkennen; und wenn man sie richtig erfaßt hat, dann hat man eine gewisse subjektive Vorbedingung, das andere auch zu verstehen, was dann nachher kommt. Denn indem man die moralische Intuition erlebt, erlebt man etwas, was, wenn man es vergleicht mit dem, was sonst real ist, eben eine andere Art Realität hat, und das ist die Soll-Realität. Geht man ein auf das, was ich gesagt habe, dann erklärt sich schon der Unterschied des Seins und des Sollens einfach dadurch, daß die moralische Intuition in unsere gewöhnliche Bewußtseinssphäre hereinragt, während die andere Intuition nicht ein Herunterprojizieren ist, sondern erst erreicht werden muß. Davon war gar nicht die Rede, daß etwa die moralische Intuition nur ein Spezialfall wäre für den Erkenntnisprozeß der allgemeinen Intuition, sondern sie ist einfach der erste Fall, wo uns im gewöhnlichen Bewußtsein, im heutigen Bewußtseinszustande, etwas intuitiv auftritt.