Philosophie
Wer im Sinne der hier vertretenen Geisteswissenschaft forschen kann, der kennt dieses selbständige Leben der Begriffe sehr gut. Aber er kann es auch beherrschen. Er kann es in dem Sinne beherrschen, wie man den Übergang von einem mathematischen Begriff zu dem anderen mathematischen Begriff im gewöhnlichen Mathematisieren beherrschen kann. Aber dieses Beherrschen, das muß durch innerliche Übung errungen werden. Es ist ganz selbstverständlich, daß man in ein dem gewöhnlichen Bewußtsein ganz fernes Leben hineinkommt, wenn man so plötzlich merkt — was sonst nur die Speisen in unserem Organismus tun, daß sie ohne unser Zutun ihr eigenes Leben in der Verdauung führen —, daß die aufgenommenen Begriffe anfangen, innerlich ein eigenes Leben zu führen. Es ist nicht unbegreiflich, sondern sehr, sehr begreiflich, daß nun ein Philosoph wie Eduard von Hartmann, der ja geistvoll war, der auf manchen Gebieten auch durchaus Eindringliches geleistet hat, der aber durchaus herausgewachsen ist aus dem philosophischen Denken seines Zeitalters, mit diesem Erlebnis Ludwig Hallers nichts Besonderes anfangen konnte. Und indem Eduard von Hartmann seine Kritik über Ludwig Haller schreibt, merkt man, daß ihm auf der einen Seite ganz schwül wird. Was soll denn das werden — so sagt sich der richtig zeitgemäße Philosoph -, wenn da die Begriffe, denen ich mich hingebe, plötzlich anfangen in meinem Inneren wie Kobolde zu tanzen, sich gegenseitig zu umhalsen oder dergleichen? Das ist ja etwas Fürchterliches, dem kann man sich nicht aussetzen! - Und er gibt demgemäß auch, als richtiger zeitgemäßer Philosoph, diese Kritik in einer recht bedeutsamen Weise ab, indem er sagt, er habe niemals etwas bemerkt von diesem neckischen, koboldartigen Treiben der selbständig lebendig gewordenen Begriffe.