1. Natur-Erkennen und Geist-Erkennen

GA 77a/1921-07-27/p011 ·1921-07-27 · original (original)
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Aber das ist ja nur der eine Eckpfeiler. Den anderen Eckpfeiler hat nun nicht ein Naturforscher, sondern ein Historiker hingestellt, der berühmte Leopold von Ranke. Und wiederum war es ein Ignorabimus, ein «Wir können und werden nicht wissen!» — Ranke, der große Geschichtsforscher, versuchte sich mit aller Objektivität in den Werdegang der durch geschichtliche Dokumente erreichbaren menschlichen Entwicklung hineinzufinden. Und er hat es ausgesprochen, daß ja in dieses geschichtliche Werden hineingreift, was wir im Laufe der Erdentwicklung als das allereinschneidendste Ereignis sehen, das Ereignis der Begründung des Christentums, das Auftreten des Christus Jesus im Verlaufe der Menschheitsentwicklung. Daß dieses Ereignis weltumwälzend war im geschichtlichen Werden, das leugnet Ranke auch nicht; daß aber geschichtliche Betrachtungsweise haltmachen müsse vor der Entstehungsursache des Christentums, das behauptet Ranke, wie auf der anderen Seite Du Bois-Reymond behauptete, daß Wissenschaft haltmachen müsse vor dem Übersinnlichen. Dasjenige, was durch den Begründer des Christentums in die geschichtliche Entwicklung eingeflossen ist — sagt etwa Ranke —, das gehört zu den Urelementen des geschichtlichen Werdens — so drückt er sich aus —, an die die methodische Geschichtsforschung nicht heranreichen kann. Selbstverständlich könnten noch viele solche Urelemente aufgezeigt werden. Ich habe nur das für das Abendland Wichtigste im Sinne Leopold von Rankes hier hervorgehoben. - Das ist der andere Eckpfeiler. Er wurde aufgerichtet aus dem Grunde, weil ja im Verlaufe des 19. Jahrhunderts die Erziehung, welche die wissenschaftliche Menschheit erhalten hat im Laufe der letzten vier bis fünf Jahrhunderte, ihre Kräfte auch entfaltet hat in den anderen wissenschaftlichen Betrachtungen. Und wenn auch selbstverständlich Leopold von Ranke weit entfernt war davon, seine eigene historische Anschauungsart mit der Naturwissenschaft zusammenzubringen, so muß man doch sagen: Naturwissenschaftliche Erkenntnis mit ihren großen, ihren gewaltigen Triumphen, mit ihrer berechtigten Stellung in der neueren Geistesentwicklung der Menschheit, sie hat ihre Gewalt auch geltend gemacht auf den anderen Gebieten. Diese mußten, wenn ich so sagen darf, sich ihr «anähnlichen». Und so ist im Grunde genommen das Ignorabimus des Leopold von Ranke nichts anderes als die historische Antwort auf das naturwissenschaftliche Ignorabimus des Du Bois-Reymond.

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