1. Natur-Erkennen und Geist-Erkennen
Sie werden es ja verstehen, wenn ich behaupte, daß die Naturwissenschaft namentlich im Laufe des 19. Jahrhunderts — vorbereitet wurde es indessen schon früher — allmählich Forschungsmethoden herausgebildet hat, an denen insbesondere derjenige, der sich selbst forschend in irgendeinem Zweige dieser Naturwissenschaft betätigt, eine innere wissenschaftliche Gewissenhaftigkeit und eine innere wissenschaftliche Disziplin sich aneignet, die man an nichts anderem als gerade in dieser naturwissenschaftlichen Forschungsarbeit sich aneignen kann. Und diese innere seelische Disziplin, diese innere seelische Gewissenhaftigkeit, die man sich auf diese Art aneignen kann, die brauchen wir im ganzen modernen Zivilisations- und Kulturleben, Es entsteht nur die Frage: Kann die Naturwissenschaft das, was da innerhalb der Menschheit anerzogen wird an Gewissenhaftigkeit und innerer Disziplin, kann die Naturwissenschaft das selbst bis zur letzten Konsequenz bringen? Mag dasjenige, zu dem sich die naturwissenschaftliche Forschung da durchgearbeitet hat, berechtigt sein oder nicht, mag es in der Zukunft modifiziert werden müssen oder nicht — die relative Unberechtigung ist ja von einzelnen Rednern dieser Veranstaltungen ins rechte Licht gesetzt worden —, dasjenige, worauf es ankommt, ist, daß auch selbst in dem radikalsten Extrem, dem sich die Naturwissenschaft mehr theoretisierend als praktisch oder experimentierend zugewendet hat, ihr noch diese Gewissenhaftigkeit und diese innere Disziplin zugrunde liegen.
Cite:
GA 77a/1921-07-27/p013 · edition original