1. Natur-Erkennen und Geist-Erkennen

GA 77a/1921-07-27/p029 ·1921-07-27 · original (original)
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Eine andere menschliche Kraft, die für das Leben im eminentesten Sinne notwendig ist, die wiederum ebensowenig durchbrochen werden darf für dieses gewöhnliche Leben, wie die Gedächtnis- oder Erinnerungskraft, ist die Kraft der Liebe. Nun, Sie wissen alle, wie im gewöhnlichen Leben diese Kraft der Liebe gebunden ist an den menschlichen Organismus. Sie wird ja in der Art, wie sie für das soziale Leben ihre besondere Bedeutung hat, in einem besonderen Lebensalter erst geboren, nämlich wenn der Mensch geschlechtsreif wird, vorher ist sie nur eine Art Vorbereitung — aber diese Liebe ist nur ein Spezialfall dessen, was wir «Liebe» im Allgemeinen nennen. So wie die Geschlechtsliebe gebunden ist an den menschlichen Organismus, so ist zunächst auch die Liebe im gewöhnlichen Sinne gebunden an den Organismus. So wie aber losgerissen werden kann die Erkenntnis im Zerbrechen des Gedächtnisses, so kann die Liebe freigemacht werden von dem menschlichen Organismus, wenn sie durch besondere Methodik geistig-seelisch ausgebildet wird. Man muß dann nur nicht alles mögliche im trivialen Sinne «platonische Liebe» nennen, was auch nichts anderes ist als irgendein Dampf aus dem Organismus heraus — sondern es muß diese Liebe im höheren Sinne ausgebildet werden durch menschliche Selbstzucht, wiederum durch Übungen, wie sie angegeben werden in den genannten Schriften. Es kann diese Liebe, die im gewöhnlichen Leben keine Erkenntniskraft ist, ausgebildet werden, so daß sie sich umgestaltet zu der Erkenntniskraft wahrer Intuition. Wenn wir dasjenige, dem wir uns sonst nur hingeben im Leben, was uns eigentlich im Leben erzieht, in Selbstzucht in die Hand nehmen, wenn wir gewissermaßen immer mehr und mehr der eigene Begleiter unserer Selbsterziehung in streng methodischer Weise werden, dann gelangen wir dazu, die Liebe zu einer freien Kraft im menschlichen Wesen, in der menschlichen Organisation zu machen, und dann wird sie eine Erkenntniskraft. Und wie wir zur Selbsterkenntnis gelangen dadurch, daß wir das Gedächtnis überwinden, so gelangen wir zu einer übersinnlichen Erkenntnis, indem wir die Liebe zu einer Erkenntnis machen in bezug auf die Außenwelt. Erkenntnisgrenzen in bezug auf die Außenwelt müssen da sein, sonst würden wir die Liebe in uns nicht entwickeln können. Wären wir nicht getrennt von der äußeren Welt, so könnten wir auch nicht so getrennt sein von Mensch zu Mensch, daß wir die Liebe im sozialen Leben entwickeln könnten. Wenn wir aber wiederum diese Liebe zur höheren Erkenntnis entwickelt haben, sie also in ausreichend gesundem Maße haben, und sie dann zur Erkenntniskraft ausgestalten, dann erlangen wir ebenso Welterkenntnis, wie wir auf dem anderen Wege Selbsterkenntnis erlangen. Und diese Welterkenntnis führt uns zur Erkenntnis derjenigen Welt, in der wir nur leben zwischen Einschlafen und Aufwachen, wenn wir kein Bewußtsein haben, wenn das Bewußtsein wiederum hinschwindet. Wir erleben einen Zustand, der in einer gewissen Weise ähnlich ist dem zwischen Einschlafen und Aufwachen, wir erleben aber diesen Zustand in vollem Bewußtsein. Da erleben wir eine neue Außenwelt. Da erleben wir keine atomistische Welt, die der äußeren Sinneswelt zugrunde liegt, sondern da erleben wir eine geistige Welt. In der Liebe sich selbst zu erziehen bedeutet, den Schritt zu machen in die wahre Wirklichkeit der Außenwelt, in geistige Wirklichkeit hinein; in diejenige Wirklichkeit, die unsere Seele allabendlich aufnimmt, wenn wir einschlafen, wenn unser gewöhnliches Bewußtsein, das da noch an den Leib gebunden ist, unbewußt wird, weil die Rücksehnsucht vorhanden ist nach dem Leibe, der im Bette liegt. Wenn wir zu einem höheren Bewußtsein aufsteigen, dann lernen wir diejenige Welt kennen, die uns dann bewußt aufnimmt, wenn wir durch des Todes Pforte gehen. So treten uns die beiden Enden unseres Menschenlebens zunächst wissenschaftlich entgegen. Vieles andere soll dann in einem nächsten Vortrage weiter charakterisiert werden. Heute wählte ich mir nur zur Aufgabe, zu zeigen, wie gerade erweitert werden muß dasjenige, was in der Naturwissenschaft innerlich seelisch anerzogen werden kann, wenn durch wahre Geisteswissenschaft wahres Geist-Erkennen erreicht werden soll. Deshalb, weil nicht in irgendeiner laienhaften, dilettantischen Art, sondern in strenger Methodik die Seele sich fortbilden will, wenn sie vom Natur-Erkennen zum Geist-Erkennen aufsteigen will, deshalb darf man auch glauben: Wer nun aus dem vollen Menschentum heraus zu beurteilen vermag, was uns die materielle Natur-Erkenntnis gibt, und wer da anzuerkennen vermag, daß wir unser Ich erstarken durch materielle Erkenntnis, der wird sich auch hineinfinden können in die Anschauung, die diese Erstarkung des Ich nach der anderen, der geistigen Seite sucht, in die wir hineinschlafen, hineinträumen, oder die wir in pathologischen Zuständen antreffen, die wir aber in vollständig gesunder Weise ausbilden können, um dann aufzurücken zu einer geistigen Welterkenntnis. Deshalb glaube ich: Wer erfüllen kann das Natur-Erkennen in richtiger Weise, der wird auch aufsteigen in ein Geist-Erkennen, das jedem Menschen, besonders aber dem an der Naturwissenschaft Erzogenen, zugänglich ist. Deshalb glaube ich, daß die Anerkennung der Geisteswissenschaft gerade durch das Erstarken des wissenschaftlichen Geistes und des Natur-Erkennens kommen werde.

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