3. Die Geistige Signatur der Gegenwart

GA 77a/1921-07-28_03/p025 ·1921-07-28 · original (original)
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Man sieht am besten, wie anthroposophische Geisteswissenschaft zu der gegenwärtigen Signatur des Geisteslebens steht, wenn man hinschaut darauf, was — aus den Untergründen heraus, die ich eben charakterisiert habe — aus der religiösen Auffassung der Menschheit allmählich geworden ist. Geisteswissenschaft wird gerade von dieser Seite immer wieder angegriffen, indem gesagt wird, Geisteswissenschaft wolle durch Erkenntnis in die übersinnlichen Welten eintreten, aber gerade darin bestünde doch das Wesen des religiösen Lebens, so sagt man, daß man eben dasjenige, zu dem man als göttliche Weltordnung Vertrauen hat, nicht kennt, daß man also ein bloß subjektives Vertrauen hat. Es würde also darnach das Wesen der Religion gerade darin bestehen, daß man in ihr eine bloße Glaubensgewißheit entwickelt, und daß man die Erkenntnisgewißheit ausschließt. Aber meine sehr verehrten Anwesenden, diese Glaubensgewißheit, die ja identisch ist mit dem, was man Vertrauen nennen kann, die kann sich im Grunde genommen für den, der in diesen Sachen ehrlich denkt, innerhalb des religiösen Lebens auch nicht auf einem anderen Wege herstellen, als wiederum aus dem, was aus einer wirklich übersinnlichen Erkenntnis folgt. Schon eine historische Betrachtung könnte die Menschheit das lehren. Was ist es denn, woher die heutigen Menschen, die sich in der angedeuteten Weise gegen Anthroposophie auflehnen, ihr religiöses Vertrauen nehmen? Ist es etwas wirklich Elementares? Das ist eine bloße Illusion. Es sind die Reste der historischen Religionen. Es sind die Reste dessen, was sich in der Geschichte heraufentwickelt hat als die historischen Religionen. Im Sinne anthroposophischer Geisteswissenschaft haben diese Religionen ihre volle Berechtigung, und ihre letzte Höhe, wodurch die Erdenentwicklung ihren eigentlichen Sinn erhalten hat, ihre höchste Höhe haben sie eben in dem Christentum erhalten. In dem Christentum ist dasjenige enthalten, was als Urreligion zu gelten hat, die letzte Form der Religion, zu der die Menschheit hat emporsteigen können, und die für die übrige Zeit der Menschheit die fortgeltende sein muß. Anthroposophische Geisteswissenschaft tastet das Christentum nicht nur nicht an, sondern sie begründet es erst im tieferen Sinne. Aber auf der anderen Seite muß man sagen: Woher haben denn die Religionen ihren Inhalt genommen? Sie haben ihn — das kann historisch nachgewiesen werden —, sie haben ihn auch aus geistigen Schauungen, wenn auch aus alten instinktiven geistigen Schauungen, entnommen. Auf keinem anderen Wege, als auf dem, den die Geisteswissenschaft in anthroposophischer Orientierung jetzt wissenschaftlich weisen will, haben die Religionen in alten instinktiven Schauungen ihren übersinnlichen Inhalt bekommen. Dieser hat sich fortgepflanzt, der ist da in Schrift und Tradition. Und die Religionen hätten keinen Inhalt, wenn es nicht einmal instinktive übersinnliche Schauungen der Menschen gegeben hätte. Schon daraus, und noch aus vielem anderen, ist zu entnehmen, wie unrecht es ist, zu sagen, es dürfe von anthroposophischer Seite nicht ein Weg gewiesen werden in die übersinnlichen Welten, denn für die Religionen müßten die übersinnlichen Welten gerade als das ferne Unbekannte gewahrt werden, zu dem man nicht durch das Erkennen kommen könne, sondern nur durch das naive Vertrauen und durch den Glauben. Der Wert der Religionen wird sich enthüllen, wenn vom Lichte der Erkenntnis in sie hineingeleuchtet wird. Diejenigen sind im Grunde schwache Christen, die glauben, daß durch irgendeine geisteswissenschaftliche Entdeckung die Größe und Bedeutsamkeit des Christentums beeinträchtigt werden könnte. Diejenigen sind gerade schwache Christen nach meiner Auffassung, die da glauben, daß man nicht mit irgendeiner Wissenschaft heran dürfe an das Christentum, weil es darunter leiden könnte. Geradesowenig, wie in den Evangelien etwas von Amerika steht, Amerika aber als Realität gelten gelassen werden muß, so müssen auch gelten gelassen werden die wiederholten Erdenleben, trotzdem in den Evangelien nichts davon steht.

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