3. Anthroposophie als Wissenschaft vom menschlichen Wesen
Beim Studium, beim innerlichen Durchleben anthroposophischer Geisteswissenschaft erlebt man wirklich innerliche Schicksalsereignisse. Man erlebt seelische Katastrophen und Peripetien. Man erlebt etwas, was auf der einen Seite durchaus intensiv zusammenhängt mit dem Inhalte desjenigen, an das man erkennend herantritt, und man erlebt etwas, was aus diesem Inhalt heraus die menschliche Natur mannigfach in Anspruch nimmt, wandelt, zu anderen Stufen der Seelenverfassung bringt und so weiter. Diese Tatsache, die zunächst als eine äußerliche erscheinen könnte, sie hängt doch innerlich wesenhaft mit dem zusammen, was anthroposophische Geisteswissenschaft sein soll; sie hängt damit zusammen, daß man ja, indem man sich aus dem heutigen Wissenschaftsgeiste heraus in berechtigter Weise objektiv zu einem Weltenbilde erhebt, in diesem Weltenbilde eigentlich den Menschen nicht darinnen findet. Gewiß, man kann sich ihn auch herauskonstruieren; aber derjenige Mensch, der herauskonstruiert werden kann aus der gegenwärtigen Evolutionslehre, der herauskonstruiert werden kann aus der gegenwärtigen Biologie oder Physiologie, der stellt sich nicht in einem Bilde dar, das innere Erschütterungen und Befreiungen in der Seele hervorruft, er stellt sich in einem Bilde dar, das die Seele kalt läßt.
Cite:
GA 77b/1921-08-24/p005 · edition original