3. Anthroposophie als Wissenschaft vom menschlichen Wesen
Imagination ist eine erste Stufe der Erkenntnis zum Eindringen in das Wesen der Welt sowohl wie in das Wesen des Menschen. Diese Imagination und wie man sich zu ihr erhebt in einer Art meditativem Leben, durch eine Art Konzentration der Denkkraft, auf einem durchaus gesunden, dem Pathologischen gerade entgegengesetzten Wege — ich habe es geschildert. Jetzt möchte ich aufmerksam machen auf dasjenige, was da eigentlich im Innern des Menschen geschieht, wenn er diese imaginative Erkenntnisstufe anstrebt. Es ist ja so, daß durch dieses meditative, durch dieses in Gedanken und Empfindungen sich konzentrierende, methodisch durchaus disziplinierte innere Erleben die Seelenkräfte gewissermaßen zusammengenommen werden, daß sie intensiver, als das sonst der Fall ist, mit dem Bewußtsein durchdrungen werden. Beobachtet man dann, was da eigentlich wächst, wenn wir so meditieren, wenn wir so uns konzentrieren, dann finden wir, daß das Wachsende dasselbe ist — nur in seiner Fortsetzung —, das uns für das gewöhnliche Erleben zum eigentlichen Ichbewußtsein gebracht hat, das uns zu Besonnenheit, zum ruhigen Persönlichkeitsbewußtsein gebracht hat, und das uns gebracht hat, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf, zur eigentlichen Egoität des Menschen, zu demjenigen, worinnen der Mensch sich finden muß, damit er sich in besonnener Weise von der Welt ablösen kann, damit er in der richtigen Weise zum Selbstbewußtsein kommt.
Cite:
GA 77b/1921-08-24/p007 · edition original