3. Anthroposophie als Wissenschaft vom menschlichen Wesen

GA 77b/1921-08-24/p008 ·1921-08-24 · original (original)
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Das ist ja auch das Gefährliche bei diesem Wege, daß zunächst diese Egoität des Menschen verstärkt werden muß. Dasjenige, was die Menschen zur Egoität hingeführt hat, muß weitergeführt werden. Daher kann im Grunde genommen dasjenige, was hier angestrebt wird, richtig nur dann erreicht werden, wenn ihm eine entsprechende Vorbereitung vorangeht, jene Vorbereitung, wie ich sie der Wahrheit gemäß geschildert habe in meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Sie werden da geschildert finden eine gewisse Methode, zur wahrhaftigen inneren Bescheidenheit zu kommen, zu jener inneren Bescheidenheit, die vielleicht nicht immer im äußeren Leben ganz offen zur Schau getragen werden kann — eben wegen der äußeren Verhältnisse —, die aber das Seelenleben tief durchdringen muß. Wird diese Bescheidenheit nicht als eine innere Kraft des seelischen Erlebens durchgreifend ausgebildet, dann liegt allerdings auf dem Wege zur Imagination die Gefahr des menschlichen Größenwahnsinnes, nicht des pathologischen Größenwahnsinnes, aber des psychologischen, moralischen Größenwahnsinnes. Wer richtig anthroposophische Methoden anwendet, der kann — weil diese Methoden in ihrer Richtung direkt entgegengesetzt laufen demjenigen, was den Menschen aus seiner Naturgrundlage heraus in pathologische Zustände hineinführen kann —, der kann eigentlich nicht dadurch in Pathologisches verfallen, aber er kann allerdings psychologisch vor solche Gefahren sich gestellt sehen, wie es der hier gemeinte Größenwahnsinn ist. Einen gewissen inneren Halt, der in Anspruchslosigkeit und Bescheidenheit wurzelt, den muß der Mensch haben, wenn er anstreben will jene Erhöhung und Steigerung der Egoität, welche notwendig ist zur Erreichung der imaginativen Erkenntnis. Im gewöhnlichen Leben und im gewöhnlichen Erkennen sind unsere Begriffe zu blaß, unsere höchsten Ideen gerade zu abstrakt, um aus einer ihnen eigenen vollen Sättigung heraus zum innerlichen Erleben desjenigen zu kommen, was den Menschen eigentlich zur Egoität hindrängt. Dasjenige, was sonst in der Begriffe bildenden, in der Ideen gestaltenden Kraft lebt, das muß erhöht, das muß gesteigert werden. Dann allerdings tritt eine Erfahrung ein, und an dem Eintreten dieser Erfahrung kann eigentlich der zur Imagination Strebende die Richtigkeit seines Strebens ermessen —, dann tritt eine Erfahrung ein: Man hat Übungen gemacht, um die Egoität zu steigern, man hat solche Übungen gemacht, daß die blassen Begriffe und Ideen bis zur Intensität sich erheben, die man erlebt, wenn man ein Sinnesbild durch Augen oder Ohren vor sich hat. Man hat dadurch jene Kraft, die durch ihr Zusammendrängen unsere Besonnenheit, unser Persönlichkeitsgefühl, eben unsere Egoität hervorbringt, man hat diese Kraft gesteigert. Die Erfahrung, die man macht, ist die, daß nun von einem gewissen Punkte aus nicht mehr eine Steigerung der Egoität eintritt, daß von einem gewissen Punkte aus gerade durch die Steigerung der Egoität, gewissermaßen durch das Ankommen der Egoität an einem Kulminationspunkte, diese Egoität eigentlich zerfließt. Das ist das Bedeutsame, daß unsere Egoität, wenn sie gesteigert wird, richtig gesteigert wird, sich nicht ins Maßlose steigert als Egoität, sondern daß sie im Grunde genommen zerfließt.

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