4. Anthroposophie als Moralimpuls und soziale Gestaltungskraft
Man kann sagen: Diese Wissenschaftlichkeit, sie ist in den letzten Jahrhunderten, namentlich in dem allerletzten Jahrhundert, zu ihren höchsten Triumphen aufgestiegen. Nicht daß man glauben wollte, daß sie schon reden diese Leute so, daß sie sagen: Mit Moralprinzipien macht man kein soziales Leben. Das galt geradezu als das hervorragendste Axiom in den sozialistisch denkenden Kreisen der neueren Zeit, daß alles Herausholen des sozialen Lebens aus moralischen oder sozial gedachten Maximen eine Illusion sei. Und es nährte sich eigentlich die soziale Gesinnung der Sozialisten von diesem Axiom. Man sagte, auf das komme es ja gar nicht an, wie irgendeine Klasse, wie irgendein einzelner Mensch denke darüber, was eigentlich sozial geschehen soll, sondern darauf komme es an, daß man sich an diejenigen Menschen wendet, in deren Egoismus, in deren ganz naturgemäßem elementaren Egoismus es liegt, die Welt so zu gestalten, wie sie eben gestaltet werden muß — und das ist die proletarische Forderung. Damit war, ich möchte sagen, gerade aus dem modernen Wissenschaftsgeiste heraus jegliches Moralprinzip, jegliche nicht auf den Egoismus gebaute soziale Anschauung ausgeschieden. Und so lange man auf dieser Seite nicht einsieht, welche Bedeutung das für den ganzen Weltengang der neuesten Zeit hat, und auf der anderen Seite nicht hinschauen will, wie unsere sozialen Nöte doch aus den Empfindungen, aus der Denkungsweise der Menschen herauskommen, so lange wird man nicht irgendwie herantreten an dasjenige, was unserer Zeit in dieser Beziehung ganz besonders not tut.
Cite:
GA 77b/1921-08-26/p009 · edition original