4. Anthroposophie als Moralimpuls und soziale Gestaltungskraft
Sehen Sie, man hat von den verschiedensten Seiten her geglaubt, als ich in Stuttgart davon gesprochen habe, daß ich die Auslassungen des Grafen Hermann Keyserling über mich für eine Lüge halte, man hat von verschiedenen Seiten geglaubt, ich wäre persönlich geärgert, ich rede von einer solchen Sache aus irgendwelchen persönlichen Untergründen heraus. Das war aber gar nicht der Fall, denn ich kann Ihnen die allerehrlichste Versicherung geben: Was der Graf Hermann Keyserling über mich denkt, ist mir ganz einerlei, darauf kommt es mir gar nicht an; auf eine persönliche Attacke kommt es mir dabei nicht an. Aber es kommt mir auf etwas anderes an: es kommt mir darauf an, anzuschauen die Erscheinungen, die da auftreten in unserem Leben mit Bezug auf ihren sittlichen und mit Bezug auf ihren moralischen Wert. Und da muß ich folgendes sagen: Für eine der größten Errungenschaften moderner Wissenschaftlichkeit halte ich es, daß — wenn auch nicht immer in der Praxis, so doch wenigstens in den ausgesprochenen Theorien — diese moderne Wissenschaftlichkeit zu dem Satze neigt, man dürfe nicht einfach dasjenige aussprechen, was man subjektiv für wahr hält, sondern man müsse durchaus die Verpflichtung anerkennen, die Wahrheit desjenigen, was man ausspricht, erst wirklich zu ergründen.
Cite:
GA 77b/1921-08-26/p018 · edition original