4. Anthroposophie als Moralimpuls und soziale Gestaltungskraft
Man sieht gewöhnlich nicht, daß in der Geltendmachung dieses Satzes doch etwas von außerordentlich fortschrittlichem Geiste liegt, denn wer Historiker ist, wer Naturwissenschafter ist, der kann und darf sich nicht mit der Ausrede begnügen, er habe dies oder jenes da oder dort gehört, sondern er ist verpflichtet, für dasjenige, was er sagt, die Wahrheitsbegründung anzuerkennen. Und dieser Grundsatz, er muß in unser sittliches Leben einziehen, denn wenn das sittliche Leben die Grundlage sein soll des Sozialen, dann muß die Sittlichkeit durchdringen die objektive und nicht bloß die subjektiv geglaubte Wahrheit, denn diese subjektiv geglaubte Wahrheit ist es nicht, die hinaus in das soziale Leben wirkt, sondern allein die objektiv erlebte Wahrheit. Da muß man schon sagen: Wir leben heute in dem Zeitalter, in dem die Spaltung zwischen Wissen und Glauben dazu geführt hat, daß man überall da, wo irgend jemand etwas behauptet, das er geglaubt hat und das sich nachher als objektive Unwahrheit herausstellt, sich damit entschuldigt, daß man sagt, der Mensch dürfe doch dasjenige behaupten, was er nach seinem besten Wissen und Gewissen für Wahrheit hält. - Meine sehr verehrten Anwesenden, mit diesem Grundsatz ist die Möglichkeit des Einzuges jeder möglichen objektiven Unwahrheit in das öffentliche Leben gegeben, und nur mit der Bekämpfung dieses Grundsatzes ist Moral in unser soziales Leben hineinzubringen, Moral hineinzubringen auch in unser geschäftliches, in unser ganzes wirtschaftliches Leben. Daher mußte ich — weil ich immer in Anspruch nehmen will denjenigen Wahrheitsgeist, der notwendig ist für die Anthroposophie auf der einen Seite, für das ganze moderne Leben auf der anderen Seite —, ich mußte diesen Wahrheitsgeist geltend machen gegenüber dem, was auf der charakterisierten Seite aufgetreten ist. Als Kulturerscheinung interessierte mich das, nicht als eine persönliche Sache, und als Kulturerscheinung führt das eigentlich erst zu jenem tieferen Wahrheitsbegriff, den wir heute so sehr nötig haben.
Cite:
GA 77b/1921-08-26/p019 · edition original