4. Anthroposophie als Moralimpuls und soziale Gestaltungskraft

GA 77b/1921-08-26/p020 ·1921-08-26 · original (original)
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Sehen Sie, es ist leicht zu sagen, der Graf Hermann Keyserling sei ja gar kein Gegner der Anthroposophie. Der Graf Hermann Keyserling hat mir das selber beweisen wollen einmal, daß er kein Gegner der Anthroposophie sei, und deshalb schrieb er mir vor längerer Zeit einen langen Brief. Aber dieser lange Brief war in einer Handschrift geschrieben, die ich nicht lesen konnte; die Zeilen, die quer gingen, waren immer durchkreuzt von anderen, die Buchstaben höchst schlampig und nachlässig, und ich konnte wirklich mit dem Lesen dieses Briefes nicht zu Ende kommen. Derjenige, der nicht nach willkürlichen Prinzipien, sondern der nach innerlich wesentlichen Symptomen die Welt und die Menschen beurteilen kann, der konnte sich sagen — diese Schrift ist natürlich nicht die Begründung, die ich für die zu Grunde liegenden Fakten geben will, aber sie ist ein Symptom —: diese Schrift, und die Art, einen solchen Brief zustande zu bringen, gibt nicht die menschliche Grundlage ab für dasjenige, was von gewissen Seiten dem Grafen Hermann Keyserling zugeschrieben wird. Und wenn man dann an seine Werke herangeht, dann findet man etwas, dann findet man dasjenige, was ich jetzt für mich als meine Überzeugung ausspreche: Wenn der Graf Hermann Keyserling sagen würde, er sei ein ganz abgefeimter Gegner und Feind der Anthroposophie, meine sehr verehrten Anwesenden, ich würde ihm das glauben und ich würde das ganz gerechtfertigt finden, denn derjenige, der die Bücher des Grafen Keyserling schreibt, kann kein Anhänger und kann kein objektiver Beurteiler der Anthroposophie sein. Wenn er aber doch sagt, er sei kein Gegner, so sagt er eben eine objektive Unwahrheit. Wenn der Graf Hermann Keyserling sagt, er sei kein Gegner der Anthroposophie, so ist das für mich viel mehr für seine Unwahrhaftigkeit ausschlaggebend, als wenn er ehrlich sagen würde, er müsse ein Gegner sein. Denn daß es Gegner geben muß, das sehe ich ein; daß es aber Leute gibt, zahlreiche Leute, die heute sogar Mode werden, welche als äußere Wahrheit einfach das Gegenteil von dem sagen, was nun ihre innere Wahrheit ist, das widerstrebt dem Prinzip der Anthroposophie, daß überall auf die innere und nicht auf die äußere Wahrheit, die dann keine Wahrheit, sondern nur eine Scheinwahrheit ist, gesehen wird.

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