4. Anthroposophie als Moralimpuls und soziale Gestaltungskraft
Innerhalb der Dreigliederung des sozialen Organismus ist aber ein Gebiet, das in anderer Weise wirkt als die anderen: das ist das Wirtschaftsgebiet. Das Wirtschaftsleben, das Waren erzeugt nach den menschlichen Bedürfnissen, das unterliegt einer gewissen Notwendigkeit. Diese Bedürfnisse entstehen. Dieses Wirtschaftsleben, es gibt sich noch immer im Grunde genommen seine sozialen Impulse so, wie es sie sich ehemals gegeben hat nach alten Traditionen. Darauf muß der Mensch sehen. Da hat er keine Freiheit, da hat er keine Willkür. Mit Bezug auf das rechtlich-staatliche Leben, und insbesondere mit Bezug auf das Geistesleben kann er die Aufmerksamkeit aber ablenken von demjenigen, was wirklich seinem Wesen gemäß ist, und durch die Gründe, die ich angegeben habe, hat die neuere Menschheit ihre Aufmerksamkeit abgewendet von der Gliederung des sozialen Organismus. So ist das zutage getreten, daß dieses Abwenden zunächst nur bewirkt hat die Vernachlässigung des Fortschrittes im Geistes- und Rechtsleben, daß aber das Wirtschaftsleben eben, wie es bei dieser Vernachlässigung nicht anders sein konnte, so fortgehen mußte, wie es eben in einseitiger Weise fortgehen konnte. Und so haben wir heute ein öffentliches Denken, das im Grunde genommen keine Aufmerksamkeit hinwendet auf das geistige und auf das rechtlichstaatliche Leben, sondern das in alten Formen, in alten Traditionen weiterarbeitet, und das sich zwingen läßt durch die naturhaft-wirtschaftlichen Notwendigkeiten, alles, was es denkt, auf Kongressen, auf sonstigen Zusammenkünften, was es denkt bei Kriegs- und Friedensentschließungen, einzig und allein im Lichte dieses Wirtschaftslebens zu sehen.
Cite:
GA 77b/1921-08-26/p030 · edition original