4. Anthroposophie als Moralimpuls und soziale Gestaltungskraft

GA 77b/1921-08-26/p032 ·1921-08-26 · original (original)
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Und hier gibt sich Naturwissenschaft einer großen, einer gewaltigen Illusion hin: sie möchte alles naturwissenschaftlich erklären, sie möchte in dieses naturwissenschaftliche Erklären auch den Menschen einspannen, und aus den Grundsätzen heraus, die sie sich gebildet hat über die Naturtatsachen, möchte sie nun den Instinkt, möchte sie den Willen erklären. Sie konstruiert Anschauungen über Instinkt und Wille, die eigentlich nur fortgeführte Anschauungen über das äußere Naturdasein sind. Aber anthroposophisches Geistesanschauen zeigt uns, daß Instinkt und Wille in ihrer tieferen Wesenheit im Geistigen und nicht im Naturhaften, das wir mit der Naturwissenschaft einzig und allein erreichen können, wurzelt. Instinkt und Wille wurzeln im Geiste; sie gliedern sich nur ein im Menschen. Sie enthüllen sich im Menschen in einer naturhaften Schale. Einzig und allein an diese naturhafte Schale dringt die Naturwissenschaft heran, an das eigentliche Wesen von Instinkt und Wille dringt sie gar nicht heran. Aber indem Anthroposophie den Weg nimmt von der äußeren Naturwissenschaft zu einer Geisteswissenschaft, wird es ihr möglich, nicht bloß zu durchschauen die Schale, die Hülle von Instinkt und Wille, sondern die wahre Wesenheit von Instinkt und Wille. Und damit bringt sie nicht nur herauf in ein abstraktes Denken dasjenige, was als Instinkt und Wille wirkt, dadurch tritt lebendig in das Vorstellungsleben ein das Wesen von Instinkt und Wille. Anthroposophie beginnt wie die modernste Wissenschaftlichkeit als Wissen; in der weiteren Fortführung ihres Weges führt sie zum Leben, führt sie den Menschen dazu, daß er untertaucht in diejenigen Tiefen, wo geistig im Geiste wurzeln Instinkt und Wille. Sie darf, weil sie etwas Lebendiges ist, mit Fichte sagen: Welche Anschauung man sich bildet, das hängt davon ab, was man für ein Mensch ist —, denn sie bringt es dahin, durch ihre Lebendigkeit im Sinne dieses Ausspruches wirken zu dürfen und dennoch fruchtbar werden zu können für das moralische, für das soziale Leben.

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