Dritter Vortrag

GA 78/1921-08-31/p016 ·1921-08-31 · original (original)
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Friedrich Nietzsche war ausgegangen von einem rechten Erkenntnisleben, und obwohl er eigentlich ein ausgezeichneter Philologe war, so ausgezeichnet, daß, bevor er noch seinen Doktor gemacht hatte, er eine Universitätsprofessur erlangte, lebte sich in seiner Seele aus ein Zusammenhang mit.der naturwissenschaftlichen Richtung seiner Zeit. Er konnte nicht anders, als sich zur Welt so verhalten, daß ihm diese Welt Wahrnehmung wurde im Sinne der naturwissenschaftlichen Gesinnung seiner Zeit. Da er erleben mußte aus dem Ganzen, aus dem Vollmenschentum heraus, so brauchte er für diese Wahrnehmungswelt, die doch nur die halbe Welt ist, dasjenige, was aus dem Inneren der Seele sich mit dieser Wahrnehmungswelt zu einer vollen Wirklichkeit erst verbinden muß. Nietzsche sah die äußere Wahrnehmungswelt, und er sah sie so an, wie man sie eben ansehen mußte im Sinne seiner Epoche. Und der Eindruck dieser Wahrnehmungswelt schmerzte Nietzsche. Man muß nur die ganze Psychologie dieser Nietzsche-Seele sich selber einmal vor die eigene Seele rücken, um den Satz verstehen zu können: Die äußere Beobachtung, tingiert von naturwissenschaftlicher Gesinnung, wurde für Nietzsche zum innerlichen Schmerz. — Nichts Geringeres liegt hier vor, als daß allmählich die naturwissenschaftliche Denkweise die äußere Wahrnehmungswelt zu einer solchen gemacht hat, die innerlich Schmerz macht, wenn man sie auf sich wirken läßt. Denn alles dasjenige macht Schmerz, was der Mensch so ansehen möchte, daß es ihn erfüllt, daß es seiner Seele Inhalt gibt, und von dem er dann doch gewahr wird, daß es dieser nicht einen vollen Inhalt gibt, daß es ihn leer läßt. Dann tritt das Furchtbare in seiner Seele auf, daß er Hunger hat nach dem, was ihm die Welt geben sollte, und daß er diesen Hunger nicht sättigen kann, weil ihm die Welt keine volle Sättigung geben kann.

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Cite: GA 78/1921-08-31/p016 · edition original