Dritter Vortrag
Das war im Grunde genommen ein noch tragischerer Seelenzustand als der frühere, denn in dem früheren glaubte er, daß er Trost finden könne in den Lebensillusionen über die Wahrnehmungswelt, die sich als Wirklichkeit trotz ihrer Einseitigkeit aufdrängte. Jetzt aber konnte er nicht einmal mehr an diesen Illusionen als an einem Trost festhalten, und er wurde in einer gewissen Beziehung ein Wahrheitsfanatiker, so daß er sich sagte: Mag diese Wirklichkeit, die die äußeren Sinne darbieten, noch so tief die Seele innerlich schmerzvoll zerreißen, sie ist die Wirklichkeit, die uns zunächst vorliegt. — Diese ungeheure Last übte die agnostische Gesinnung auf Friedrich Nietzsche aus. Er konnte fortan diese Last nicht mehr heben, und so seufzte er denn aus dasjenige, was er in seinen Aphorismenbüchern «Menschliches Allzumenschliches» gab: O du armer Mensch - so etwa empfand Nietzsche —, o du armer Mensch, du malst dir Ideale, Illusionen vor, in denen du dich hinausflüchtest aus dem sinnlichen in ein übersinnliches Gebiet; du willst dich erheben von einem Menschlichen zu einem Göttlichen; du fällst, indem du Kräfte entwickelst, die zu solchen Illusionen dich verführen, nur noch tiefer in die menschlichen Untergründe hinein, und dasjenige, was du zunächst in naiver Weise als dein Menschliches entwickelt hast, das wird ein Untermenschliches, ein Allzumenschliches. Prüfe deine Instinkte, prüfe deinen Egoismus, und du wirst sehen, wie du dir die Selbstlosigkeit als Illusion, als ein moralisches Ideal vorzauberst! Die Wahrheit ist, daß du redest von selbstlosen Idealen, aber im Grunde genommen nur einem feineren, einem allzumenschlichen Egoismus huldigst; in deinem Unterbewußtsein lebt ein Element, das tief unter deinem Menschlichen steht, nicht nur steht unter dem, wozu du dich hinaufschrauben willst, als zu einem Göttlichen. — Aus solcher Stimmung heraus entstanden für einen wirklichen Wahrheitssucher die Schriften «Menschliches Allzumenschliches».