Dritter Vortrag
Für Nietzsche wurde das, was er da erleben konnte, ein wirklicher Lebensinhalt und eine Lebenstragik. Die wissenschaftliche Entwickelung selber im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wurde für Friedrich Nietzsche zur innersten Lebenstragik, denn er mußte jetzt, nachdem er ein Wahrheitsfanatiker, ein Positivist, ein Voltairianer geworden war, dasjenige, was sich in seinem Kopfe entlud, mit seinem ganzen Menschen durchdringen, er mußte das Vollmenschliche dabei empfinden. Was er früher aus dem Geiste des menschlichen Hauptes heraus, aus dem Kopfwissen, sich erträumt hatte in seiner «Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik», in seinen «Unzeitgemäßen Betrachtungen» als den Trost über die wissenschaftliche Lebenstragik, das konnte er jetzt nicht mehr aus seinem Gedankensystem gewinnen, das ergab für ihn nicht mehr das Denken. Er wollte in der ersten Epoche seines Lebens die dunkle wie ich gestern charakterisiert habe —, wie aus einem Schlafe heraus wirkende Wahrnehmung durchdringen und erleuchten mit menschlichem Seeleninhalte. Aber dieser menschliche Seeleninhalt wurde für ihn nur dasjenige, was sich ihm dann als Illusion entpuppte. Und so fühlte er sich in seiner positivistischen Periode hingewiesen auf die einseitige Wahrnehmungswelt, die nur ein Teil der Wirklichkeit ist, aber nicht die volle Wirklichkeit.