Sechster Vortrag

GA 78/1921-09-03/p019 ·1921-09-03 · original (original)
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Die Imagination gibt zunächst Bild der übersinnlichen Wirklichkeit, die Inspiration weist uns hinüber in diese. Wir erreichen diese Inspiration dadurch, daß wir mit einer inneren Technik, so wie wir durch Meditation, durch Konzentration die Möglichkeit der Imagination herbeiführen, eine andere Fähigkeit ausbilden, die man im gewöhnlichen Leben mit Recht gar nicht besonders schätzen kann. Man muß nämlich so beobachten, daß man sich zu einem einigermaßen klaren Bewußtsein bringt, was das Vergessen, das Hinauswerfen einer Vorstellung aus dem Bewußtsein ist. Man muß sich meditierend üben im künstlichen Vergessen, im Aussondern von Vorstellungen, und muß sich dadurch die Fähigkeit heranbilden, das imaginative Leben, das Leben in Bildern, das man sich angeeignet hat, nun auch ablehnen und zuletzt auslöschen zu können. Wer es nur dahin gebracht hat, Imaginationen zu haben, der kann noch nicht in eine geistige Wirklichkeit eindringen, sondern erst derjenige, der es dahin gebracht hat, diese Imaginationen, die zunächst, ich möchte sagen, nur wie eine Realisierung des imaginativen Vermögens auftreten, wieder zu tilgen, denn diese Imaginationen sind allerdings ein mehr oder weniger Selbstgemachtes. Es handelt sich darum, daß man das Bewußtsein gewissermaßen ganz leer bekommt, daß man den Akt des Vergessens willkürlich anwendet auf dieses imaginative Leben, so daß man wissen lernt, was es heißt, in einem völlig wachen Bewußtsein, das nicht vorstellt, das es aber durch ein vorhergehendes Imaginieren zu seiner inneren Energie gebracht hat und jetzt seinen Inhalt losgeworden ist, was es heißt, in einem solchen kraftvollen Bewußtsein zu leben. Das muß man wissen lernen, dann steigt man auf vom Imaginieren zu der Erkenntnis durch Inspiration, dann weiß man auch, daß man berührt wird von einer geistigen Wirklichkeit, die sich einem offenbart in einem seelisch-geistigen Vorgang, der verglichen werden kann mit dem Eiin- und Ausatmen, überhaupt mit dem rhythmischen Atmungsvorgang. Wie der rhythmische Atmungsvorgang darin besteht, daß wir die äußere Luft in uns aufnehmen, sie innerlich durcharbeiten und dann in einer andern Form wiederum abgeben, nachdem wir mit ihr in einer gewissen Weise uns identisch gemacht haben, so lernen wir einen geistig-seelischen Vorgang kennen, der darin besteht, daß wir die innere Kraft des Bewußtseins, die wir gewonnen haben, erfühlen können, gewissermaßen seelisch-geistig einatmen können in dieses durch die Imagination erkraftete Bewußtsein. Dadurch aber leuchtet in diesem erkrafteten Bewußtsein die objektive Imagination auf. Wir atmen ein die geistige Welt, wir bekommen sie in uns herein, wir machen uns mit ihr identisch, wir leben uns aus uns heraus; eine rhythmische Wechselwirkung mit der geistigen Welt tritt ein.

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Cite: GA 78/1921-09-03/p019 · edition original