Achter Vortrag

GA 78/1921-09-06/p005 ·1921-09-06 · original (original)
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Wir müssen von dem sinnlichkeitsfreien, reinen Denken ausgehen, wie ich es versuchte zu charakterisieren in meiner «Philosophie der Freiheit». Dieses sinnlichkeitsfreie Denken, so paradox es klingt, entwickelt sich am allerbesten, allerintensivsten, wenn.man sich einläßt auf diejenige naturwissenschaftliche Forschung, von der ich auch in diesen Abendbetrachtungen gesprochen habe. Ich habe nicht umsonst geschildert - trotz der Fehler, die ich bei ihm durchaus einsehe und zugebe — den Haeckelismus, diese besondere Art, sich in die Entwickelung des tierischen und des menschlichen Lebens zu versenken. Wenn man im strengen Sinne des Wortes dasjenige anwenden will, was gerade Geistesforschung für die äußere Sinneswelt fordern muß: das lebendige Durcheinanderwirken der reinen Wahrnehmung und des reinen Denkens, dann kommt man mit Bezug auf die durch äußerliche sinnliche Empirie gegebene organische Welt zu keinen andern Resultaten als zu denen, zu denen der Haeckelismus gekommen ist. Und will man anschaulich machen dasjenige, wozu man auf diesem Wege kommt, auf dem Wege der äußerlich-sinnlichen Anschauung und des methodischen Denkens, das diese Anschauung durchwebt, so muß man in folgendem Sinne verfahren. Man kann dann nicht aus irgendeinem abstrakten Denken heraus allerlei Spekulationen anstellen über eine Lebenskraft, wie es der Neovitalismus tut. Man kann nicht Spekulationen aus den reinen Begriffen heraus aufstellen, ob demjenigen, was äußerlich-sinnlich verfolgbar ist, noch irgendein Übersinnliches zugrunde liegt und dergleichen, sondern man muß in der Weise bei der Tatsachenwelt stehenbleiben, wie es der Haeckelismus getan hat. Gerade aus geisteswissenschaftlichen Forderungen heraus muß man die äußere Naturforschung auf dieses Gebiet und in diesem Sinne beschränken, sonst führt das Spekulieren über die äußere Natur in nebulosen Mystizismus hinein. Dadurch aber kann man sich leicht den Vorwurf des Materialismus erwerben. Dieser Vorwurf kann dann so gewendet werden, daß man sagt: Da ist von mir auch einmal etwas dargestellt worden vom materialistischen Standpunkt, und dann sei ich wieder davon abgekommen. — Darum kann es sich nicht handeln. Das sind nur törichte Einwände, welche sich an Worte halten und in den ganzen Geist der geisteswissenschaftlichen Forschung eben nicht eindringen können. Denn gerade, wenn man sich auf dem Gebiete der reinen Naturwissenschaft auf das Phänomenale beschränkt, wenn man in der Lage ist, jene innere Resignation des Denkens zu üben, die notwendig ist, um nicht nebulosen Mystizismus zu treiben, sondern phänomenalistisch die Tatsachenwelt verfolgt, dann kommt man dazu, das Denken überhaupt für die äußere Forschung nur, ich möchte sagen, als Arbeitsmittel zu gebrauchen, gar nicht als irgend etwas Konstitutives, als irgend etwas, was über die äußere Sinneswelt anders etwas aussagen kann, als daß es die Phänomene dieser äußeren Sinneswelt ordnet, so daß sie selbst ihre Geheimnisse ausspricht, wie das durchaus im Sinne des Goetheanismus liegt. Dann aber, wenn man diese Resignation übt, dann kommt man eben für dieses Feld der Forschung an eine Grenze. Und an dieser Grenze fängt man nicht an, philosophisch zu spekulieren, allerlei auszudenken über Transzendentes, das erschlossen werden soll, sondern man fängt an, jene inneren Kämpfe und Überwindungen zu erleben, welche das Denken jetzt nicht zum Spekulieren anregen, sondern ihm gewissermaßen ein Lebenselixier einflößen, so daß dieses Denken sich umwandelt in jene Anschauungen, die dann in den Imaginationen auftreten, und daß es herankommen kann an die Welt, die es durch Spekulieren niemals, sondern nur dadurch erreichen kann, daß es sich eben metamorphosiert zu übersinnlichem Schauen.

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