Der Mensch im Lichte der Anthroposophie
Nehmen wir einmal an, in einem Erdenleben treten wir im dreißigsten, fünfunddreißigsten Jahr vor einen anderen Erdenmenschen, in dem wir — ich will eben ein durchaus entscheidendes Ereignis nennen — einen Lebensgefährten finden, mit dem wir das weitere Leben durchmessen wollen, und wir finden, daß die Seelen zusammenstimmen. Der äußere materialistisch denkende Mensch nennt das einen Zufall. Tiefere Geister — es gibt deren genügend, und man kann sie geschichtlich nachweisen — haben aber auch ein bißchen nachgedacht darüber: Wenn man jetzt von diesem Ereignisse, das so entscheidend ist, ım Leben zurückschaut zu dem, was vorher und wieder vorher, und weiter vorher war, dann nimmt sich unsere Lebensführung, die zu diesem Ereignisse hintendierte, sehr planmäßig aus. Und wir finden manchmal das, was wir so im Leben erfahren als eine Tatsache, die nun eingreift in unser Leben, wie den organischen Abschluß dessen, was wie ein Plan sich ausnimmt. Wenn man einen solchen Plan zunächst hypothetisch konstruiert hat, und dann das hypothetisch Konstruierte, bis zur Geburt hin Konstruierte, durchschaut mit dem, was Entwickelung übersinnlicher Erkenntniskräfte durch Meditation, Rückwärtsdenken, Willensentwickelung, wie ich sie geschildert habe, ist, dann kommt man allerdings dazu, sich zu sagen: Das, was du dir da hypothetisch konstruiert hast, mag manchmal wirklich nur ein Phantasiebild sein, ist es aber nicht immer. Es zeigt sich vielmehr gerade für entscheidende Tatsachen im Leben manchmal von größter Bedeutung, daß der Mensch eine unterbewußte Sehnsucht seit der Geburt in sich trägt, und daß aus dieser Sehnsucht, die er sich vielleicht in entsprechenden Lebensepochen ganz verschieden auslegt, er den ersten Schritt, den zweiten Schritt macht, alle Schritte, die ihn zuletzt zu dem Ereignis hinführen, das er keimhaft in jenem Rückwärtsleben nach dem Tode sich eingebildet hat, und das uns jetzt als unbestimmte Sehnsucht durch das neue Erdenleben trägt, so daß wir uns dadurch auf unbewußte Weise unser Schicksal selber machen. Wir gelangen auf diese Weise dazu, zu erkennen, was wir im Erdenleben als Schicksal finden, oder wie es in der alten instinktiven Hellseherweisheit des Orients genannt worden ist: Karma. Dieses Schicksal, von dem unser ganzes Glück und Unglück, unsere Lust und unser Leid im Leben abhängen, wir lernen es erkennen dadurch, daß wir die aufeinanderfolgenden Erdenleben erblicken.