Das Lazarus-wunder

GA 8/l07/p004 · original (original)

Zugegeben werden muß, daß die ganze Erzählung im Johannes-Evangelium in einen geheimnisvollen Schleier gehüllt ist. Man braucht, um das einzusehen, nur auf Eines hinzudeuten. Was für einen Sinn sollten, wenn die Erzählung im physischen Sinne wörtlich zu nehmen wäre, Jesu Worte haben: «Die Krankheit ist nicht zum Tode, sondern zur Ehre Gottes, daß der Sohn Gottes dadurch geehrt werde. » Dies ist die gebräuchliche Übersetzung der entsprechenden Evangelienworte; doch kommt man besser zum Sachverhalt, wenn man — was auch dem Griechischen entsprechend richtig ist — übersetzt: «zur Erscheinung (zur Offenbarung) Gottes, daß der Sohn Gottes dadurch offenbar werde». Und was sollten die anderen Worte bedeuten: Jesus spricht «Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe.« (Johannes 11, 4 und 25.) Es wäre eine Trivialität zu glauben, Jesus habe sagen wollen: Lazarus sei nur krank geworden, damit er seine Kunst an ihm zeigen könne. Und es wäre eine weitere Trivialität, zu meinen, Jesus habe behaupten wollen, der Glaube an ihn mache einen Toten im gewöhnlichen Wortsinne wieder lebendig. Was wäre denn besonders an einem Menschen, der vom Tode auferstanden ist, wenn er nach der Auferstehung derselbe wäre wie vor dem Sterben? Ja, was hätte es für einen Sinn, wenn das Leben eines solchen Menschen bezeichnet würde mit den Worten: «Ich bin die Auferstehung und das Leben»? Sofort kommt Leben und Sinn in Jesu Worte, wenn wir sie als den Ausdruck eines geistigen Ereignisses und dann in gewisser Weise sogar wörtlich so verstehen, wie sie im Texte sind. Jesus sagt doch: Er sei die Auferstehung, die an Lazarus geschehen ist; und er sei das Leben, das Lazarus lebt. Man nehme doch wörtlich, was Jesus im Johannes-Evangelium ist. Er ist das «Wort, das Fleisch geworden ist». Er ist das Ewige, das im Urbeginne war. Ist er wirklich die Auferstehung: dann ist das «Ewige, Anfängliche» in Lazarus auferstanden. Man hat es also mit einer Auferweckung des ewigen «Wortes» zu tun. Und dieses «Wort» ist das Leben, zu dem Lazarus auferweckt worden ist. Man hat es mit einer «Krankheit» zu tun. Aber mit einer Krankheit, die nicht zum Tode führt, sondern die zur «Ehre Gottes», das ist, zur Offenbarung Gottes dient. Ist in Lazarus das «ewige Wort» auferstanden, dann dient wirklich der ganze Vorgang dazu, den Gott in Lazarus erscheinen zu lassen. Denn Lazarus ist durch den ganzen Vorgang ein anderer geworden. Vorher lebte nicht das «Wort», der Geist, in ihm; jetzt lebt dieser Geist in ihm. Dieser Geist ist in ihm geboren worden. Gewiß ist doch mit jeder Geburt eine Krankheit, die Krankheit der Mutter, verknüpft. Aber diese Krankheit führt nicht zum Tode, sondern zu neuem Leben. Bei Lazarus wird dasjenige «krank», aus dem der «neue Mensch», der vom «Wort» durchdrungene Mensch geboren wird.

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Cite: GA 8/l07/p004 · edition original