Das Wesen der Anthroposophie

GA 80a/1922-01-16/p003 ·1922-01-16 · original (original)
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Meine sehr verehrten Anwesenden! Die Anthroposophie wird heute noch von vielen Menschen als ein mehr oder weniger phantastischer Versuch angesehen, durch Erkenntnis in Weltgebiete einzudringen, mit denen sich ernste Wissenschaft nichts zu tun machen soll. Nun gibt es allerdings auch heute schon durchaus ernst zu nehmende Wissenschaftler, welche davon sprechen, dass ein Hinausgehen über die gewöhnlichen naturwissenschaftlichen Methoden zur Erkenntnis von Welten, in welche diese naturwissenschaftlichen Methoden [nicht] führen, angestrebt werden müsse, und man spricht wohl dann von allerlei Fähigkeiten, welche der eine oder andere Mensch haben kann, um in solche Welten einzudringen. Man gibt sich dann Mühe, dasjenige zu ergründen, das durch solche abnorme Fähigkeiten an den Tag kommt, und registriert es ein in den sonstigen wissenschaftlichen Betrieb. Aber auch solche ernst zu nehmende Wissenschaftler werden in der Regel mit Anthroposophie aus dem Grunde nichts zu tun haben wollen, weil sie den Weg, auf welchem Anthroposophie einzudringen versucht in übersinnliche Welten, nicht als einen wissenschaftlichen anerkennen wollen, sondern ihn höchstens ansehen wollen als eine Art Phantasterei, als eine besondere Art von unmöglicher Mystik oder auch wohl gar als eine besondere Art von Aberglauben. Nun — meine sehr verehrten Anwesenden —, diejenigen Menschen, welche nach Schwärmerei, nach nebelhafter Mystik oder gar nach Aberglauben streben, sie werden zwar manchmal herankommen an dasjenige, was als anthroposophische Erkenntnis sich unserem Geistesleben einverleiben will, allein sie werden auf die Dauer kaum auf ihre Rechnung kommen. Die Menschen, die überall dahin laufen, wo von irgendeiner «Sophie» oder irgendeinem «Okkulten>» die Rede ist, die werden nämlich sehr bald sehen, dass gerade Anthroposophie sich bemüht, ganz aus dem Geiste moderner Wissenschaftlichkeit heraus zu arbeiten, ja, diesen Geist moderner Wissenschaftlichkeit sogar in seine allerletzten Konsequenzen zu treiben, dass aber vor allen Dingen für die Anthroposophie ein durch und durch gesundes und möglichst weitgehendes Denken notwendig ist. Und das lieben ja die Bekenner der Schwärmereien und von nebelhaften Mystiken nicht gerade. Dass Anthroposophie solches Streben hat, kann allerdings nicht verhindern, dass immer wieder und wiederum diejenigen Menschen, die sie mit einer leichten Handbewegung ablehnen möchten, davon reden, dass nur Neurastheniker oder hysterische Personen an die Anthroposophie herankommen.

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