Das Wesen der Anthroposophie
Nun — meine sehr verehrten Anwesenden - werde ich mir am heutigen Abend erlauben, gegenüber dem Zerrbilde, das vielfach von der Anthroposophie nach der einen und anderen Richtung gegeben wird, auf das Wesen der Anthroposophie einzugehen, wie es nach den Absichten derjenigen Personen sein soll, welche eben im Sinne dieser ernsten Wissenschaftlichkeit und dieses ernsten Denkens nach einer Erweiterung unserer Erkenntnis streben, weil sie einsehen, dass nach zwei Richtungen hin der Mensch der Gegenwart gerade von unserer wissenschaftlichen Zeitkultur und von demjenigen auch, das sich dieser entgegenstemmt, unbefriedigt bleiben muss. Anthroposophie stellt sich zunächst, wo es sich um naturwissenschaftliche Forschung handelt, streng auf den Boden dieser naturwissenschaftlichen Forschung, und sie sieht mit all denjenigen, die so vorsichtig gehen wie etwa der berühmte du Bois-Reymond, sie sieht genau die Grenzen dieser naturwissenschaftlichen Forschung. Sie sieht, wie das menschliche Denken, das in der neueren Zeit so große Triumphe gefeiert hat, das mit Recht so stolz ist auf seine Methoden, wie dieses menschliche Denken für die naturwissenschaftliche Forschung dennoch nur in der Richtung arbeiten kann, dass es sich an die äußeren, sinnlich gegebenen Tatsachen hält, dass es mehr oder weniger diese sinnlich gegebenen Tatsachen zusammenfasst und zu Naturgesetzen kommt. Wenn man klar durchschaut, dass gerade unser gegenwärtiges mit solcher Gewissenhaftigkeit in der Wissenschaft gehandhabtes Denken ganz und gar herangeschult ist an den äußeren, sinnenfälligen Tatsachen, dass es nur Methoden haben kann, die durchaus dem Lauf dieser sinnenfälligen Tatsachen entsprechen, dann wird man von den Grenzen des naturwissenschaftlichen Erkennens sprechen müssen, wird zugeben müssen, dass alle philosophische Spekulation, welche durch reines Denken, durch sich selbst überlassenes Denken hinausgehen möchte, in diejenigen Gebiete, wo das eigentliche Wesen des Menschen als in seinem unsterblichen Grunde wurzelt, dass alles dieses sich selbst überlassene Denken in eine Unsicherheit hineinkommt. Daher streitet man so viel über das eine und das andere philosophische System, welches über Seelenunsterblichkeit, über die göttlichgeistigen Gründe der Welt sprechen will. Man fühlt, wie das Denken, das sich losreißt von den sinnlichen Tatsachen und aus seinen eigenen Gründen heraus bauen möchte, wie dieses Denken absolut in Unsicherheit hineinkommt, sodass man eigentlich das Gefühl haben kann: Dieses Denken befasst sich außerhalb der sinnlich gegebenen Tatsachen mit nichts mehr. Auf der anderen Seite leben heute zahlreiche Personen, welche in einer mehr oder weniger klaren Empfindung das haben, dass sie dennoch vordringen möchten zu demjenigen, was tiefste Menschensehnsucht darstellt, vordringen möchten, erkennend zu jenen Weltengründen, mit denen der Mensch in seinem innersten Wesen zusammenhängt und durch deren Erkenntnis er eine Einsicht in sein unsterbliches Wesen gewinnen könnte. Dann ergeben sich wohl solche Menschen der einen oder der anderen Richtung der Mystik, das heißt, sie nehmen von aller Erkenntnis Abschied. Sie vertiefen sich in das eigene Innere. Sie glauben, wenn sie sich in dieses eigene Innere vertiefen, wenn sie tiefer und tiefer hineinschürfen in die Schächte der eigenen menschlichen Seele, dann müsse sich auch das ewige Wesen des Menschen finden lassen.
Cite:
GA 80a/1922-01-16/p004 · edition original