Das Wesen der Anthroposophie
Man dringt in diese imaginative Welt ein und man erlebt von einem bestimmten Punkte an, wie man in einer Wirklichkeit drinnen — ich möchte sagen — seelisch webt. Und die erste Erfahrung, die man nun macht, indem man auf diese Weise vorgedrungen ist zu einem solchen imaginativen Anschauen, ist diese, dass nun das seit der Geburt verflossene Erdenleben wie in einem großen Tableau vor der Seele lebt. Sonst hat ja der Mensch von diesem Erdenleben den Strom seiner Erinnerungen, aus dem dieses oder jenes auftaucht, willkürlich oder unwillkürlich. So ist es nicht bei demjenigen, was ich jetzt schildere, sondern das, was auftaucht von einem bestimmten Punkt der imaginativen Erkenntnis an, das ist, dass der Mensch wie in einem großen Überblick das Treiben seines inneren Wesens vor sich hat. Er übersieht, wie aus gewissen Kräften heraus diese oder jene Anlage in ihm entstanden ist, wie meinetwillen er zu dieser oder jener heroischen oder unheroischen Entschließung gekommen ist. Nicht so sehr in die einzelnen Tatsachen des Lebens erhält er Einblick, als in die Kräfte, die dahinter stehen, die uns selber geformt haben, die unseren Gedanken die Richtungen und Inhalte gegeben haben, die unsere Gefühle gelenkt haben von innen heraus, wenn sie an der Außenwelt angeregt worden sind, die unseren Willen impulsiert haben. Das alles, was da [eingeflossen] ist seit der Geburt, das überschaut man.
Cite:
GA 80a/1922-01-16/p016 · edition original