Anthroposophie und die Rätsel der Seele
Ganz anders aber steht der Mensch, wenn es sich um die Rätsel seiner Seele handelt, diesen Rätselfragen selber. In diesen Rätselfragen lebt er darinnen, diese Rätselfragen machen im Grunde dasjenige aus, was zunächst seelische Gesundheit und Krankheit sein kann, was aber auch zur körperlichen Gesundheit und Krankheit werden kann. Denn — meine sehr verehrten Anwesenden — das Seelenleben, es ist etwas außerordentlich Kompliziertes, so einfach es zunächst auch erscheinen mag. Dasjenige, was wir während unseres tagwachen Zustandes vom Morgen bis zum Abend in unserem Bewusstsein tragen — es ist ja heute durchaus auch wissenschaftlich anerkannt —, das ist ja nur ein Teil unseres Seelenlebens. Ein großer Teil unseres Seelenlebens ruht in unbewussten — oder ich könnte auch sagen —, unterbewussten Tiefen, schlägt seine Wellen herauf in Form von unbestimmten Empfindungen, von unbestimmten Stimmungen, wohl auch von allerlei anderen Seeleninhalten, und bildet dasjenige, was eine unbestimmte Grundverfassung unseres Seelenlebens ist. Dasjenige aber, was [sich] in dieser Weise mehr oder weniger unbestimmt in den Untergründen unseres Seelenlebens abspielt und heraufflutet, das hängt innig zusammen mit demjenigen, was eigentlich das Glück oder Leid unseres Lebens ist. Und gerade derjenige, der auf anthroposophischem Wege versucht, in das Seelenleben des Menschen einzudringen, der merkt sehr bald, wie alles, was in einer solchen Art unbestimmt aus den Tiefen des Seelischen heraufflutet, mit dem Körperlich-Leiblichen zusammenhängt, wie zuerst leise, dann immer mehr und mehr unser ganzer Gesundheitszustand, der uns lebenstüchtig oder lebensunfähig macht, von diesen unterbewussten Seelenstimmungen abhängen kann.
Cite:
GA 80a/1922-01-17/p005 · edition original