Anthroposophie und die Rätsel der Seele
Das andere Beispiel, das ich vorbringen will, ist dasjenige einer ausgezeichneten Persönlichkeit, Franz Brentano, der eine Seelenkunde begründen wollte ganz nach der Methode der modernen Naturwissenschaftlichkeit. Das war sein Ideal. Ich habe — meine sehr verehrten Anwesenden — den ganzen Tatbestand, der den Forschungen Franz Brentanos zugrunde liegt, im dritten Teil meines Buches «Von Seelenrätseln» eingehend erörtert und möchte hier nur einiges Prinzipielles anführen. Franz Brentano hat dann versucht, im Beginne der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, eine Seelenkunde zu schreiben, eine Psychologie. Der erste Band ist 1874 im Frühling erschienen. Für den Herbst war der zweite Band versprochen; er ist niemals erschienen. Auf vier Bände war das ganze Werk berechnet; außer dem ersten Band ist niemals etwas erschienen als einzelne Ansätze, die aber immer nur Ansätze sind. Das ganze Werk ist ein Torso geblieben. Warum das so sein musste, habe ich in dem genannten Werke auseinandergesetzt. Franz Brentano wollte eben ganz nach dem Muster naturwissenschaftlicher Forschungsweise auch über das seelische Leben Forschungen anstellen, und man findet in diesem ersten Bande ein merkwürdiges Bekenntnis Franz Brentanos. Er sagt da etwa: Mit dieser naturwissenschaftlichen Forschung gelingt es ja, in den Einzelheiten des seelischen Lebens bescheiden sich zurechtzufinden. Man kann angeben, wie eine Vorstellung sich mit der anderen verbindet, wie eine Vorstellung sich von der anderen trennt, wie sich gewisse Gefühle an Vorstellungen anknüpfen, Willensimpulse an Vorstellungen anknüpfen, wie die Erinnerung wirkt und so weiter. Aber wenn, so sagt Franz Brentano, es dabei bleiben müsste, dass man nur diese Einzelheiten des Seelenlebens erforschen könnte, und wenn erkauft werden müsste das Wissen über die wichtigsten Fragen des menschlichen Daseins mit dieser strengen Wissenschaftlichkeit — wohin käme man? Denn berechtigt findet Franz Brentano die Sehnsucht, die schon in Plato, in Aristoteles, im alten Griechentum lebte, dasjenige, was man im Einzelnen über die Seele des Menschen erforschen kann, zu führen bis zu den großen Fragen von Geburt zu Unsterblichkeit. Und traurig wäre es, meint Franz Brentano, wenn man, weil man wissenschaftlich sein will in der Erkundung des Seelenlebens, verzichten müsse auf ein Wissen, wie es ergehe dem besseren Teil des Menschen in uns, wenn der physische Teil mit dem Tode der Erde übergeben wird.
Cite:
GA 80a/1922-01-17/p021 · edition original