Anthroposophie und die Rätsel der Seele
Dieses imaginative Vorstellen, das lebt mit einer solchen inneren Lebendigkeit in dem bloßen Gedanken, wie sonst der Mensch in seinen äußeren Wahrnehmungen lebt. Dadurch aber — meine sehr verehrten Anwesenden — kommt man allmählich dahin, dass das Vorstellungsleben nicht mehr dieses bloß abstrakte, dieses — ich möchte sagen — bloß bildhafte ist, sondern man macht durch rein innerliche Forschung, die aber durchaus mit demselben Ernst getrieben wird wie nur irgendeine wissenschaftliche Forschung, man macht durch innere Forschung die Entdeckung, dass die Seele, die sonst nur ihr Vorstellungsleben anfüllen konnte mit den Ergebnissen der äußeren Eindrücke, dass die Seele innerlich erfüllt wird von den Kräften, die gewissermaßen in das Seelenleben hereinschießen. Die Vorstellungen sind nicht mehr bloß dieses Leichtflüssige, wenn sie durch Meditation, durch Konzentration ausgebildet werden, sondern sie werden durchkraftet, durchzogen von Kräften, die ich gestaltende Kräfte nennen möchte, von Kräften, die ein innerlich geistig-plastisches Element ausmachen. Und man entdeckt nach einiger Zeit, dass man durch diese Ausbildung des Vorstellungslebens zusammenwächst mit demjenigen, was die Bildekräfte des menschlichen Leibes selber sind. Man macht nach einiger Zeit die Entdeckung, dass das Gedankenleben gewissermaßen nichts anderes ist als das verdünnte Kraftleben des menschlichen Wachstums. Dasjenige, was uns innerlich plastisch gestaltet im physischen Leibe von der Geburt bis zum Tode, das ist — ich möchte sagen — in einem verdünnten Zustand unser Vorstellungslebens im gewöhnlichen Bewusstsein.
Cite:
GA 80a/1922-01-17/p026 · edition original