Anthroposophie und die Rätsel der Seele
Und nur durch eine solche Erkenntnis kann dasjenige, was - man könnte sagen — die Unterströmung von Ängstlichkeit, von Furcht in der menschlichen Seele erzeugt, kann vom Bewusstsein aus diese Furcht, diese Ängstlichkeit bezwungen werden, sodass es in der Tat nicht eine theoretische Lösung der Seelenrätsel ist, auf die hier Anthroposophie hinweist, sondern eine durchaus innerliche, praktische Lösung, die zu erleben ist. Indem Anthroposophie hinweisen muss darauf, dass aus ihrer Forschung heraus dasjenige in das menschliche Bewusstsein hereinkommen kann, durch das menschliches Bewusstsein begriffen werden kann, was im Menschen lebt, was — ich möchte sagen - nur zum Schein sich so weit verdünnt, dass es als unser gewöhnliches Vorstellungsleben herauskommt, was aber seiner Wahrheit nach die innere Wachstumssphäre unseres Daseins ist. Und indem der Mensch auf der anderen Seite im Vorstellungsleben — ich möchte sagen — das Schwergewicht verliert und in eine ängstliche Unterströmung dieses Seelenlebens hineingerät, kann er aufnehmen die Ergebnisse der geisteswissenschaftlichen Anthroposophie über das Vorstellungsleben und kann dieses Vorstellungsleben auf dem Erkenntniswege befestigt erhalten. Die Lösung dieses Seelenrätsels bietet Anthroposophie nicht, indem sie eine Theorie hinstellt, sondern indem sie dem Menschen ein Ergebnis hinstellt, das er mit seinem gesunden Menschenverstand durchaus begreifen kann und das dann — wie Schwere verleihend — im Vorstellungsleben für sein Bewusstsein, für sein Seelenleben auftritt, sodass in die Seelenstimmung, in die Seelenverfassung hinein Rätsel lösend strömen kann dasjenige, was Anthroposophie scheinbar als bloße Erkenntnis über das Vorstellungsleben geltend zu machen vermag. Man erkennt eben durchaus da auf der einen Seite, wie der Mensch ein gestaltetes Wesen ist, wie er als Ganzes in einer bestimmten Gestalt auftritt, wie seine einzelnen Organe gestaltet sind aus dem Geiste heraus und wie wir, damit wir ein freies Wesen sein können, damit wir nicht gezwungen durch diese innerlichen Kräfte nur handeln können, sondern uns freien Spiegelbildern hingeben können, wie wir bis zu einem plastisch Gestalteten unsere bloß bildhaften Vorstellungen hin entwickeln.
Cite:
GA 80a/1922-01-17/p028 · edition original