{"corpus":"steiner","locus":"GA 80a/1922-01-23/p008","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Gerade wenn man nun im Ernste von dem spricht, was Anthroposophie für den heutigen Menschen sein kann, muss man diese beiden Klippen, an denen sie mit ihrer Forschung vorbei muss, charakterisieren. Die eine Klippe ist die rein denkerische Weltanschauung, die in das Übersinnliche durch das sich selbst überlassene Denken hinaus will; das andere sind gewisse mystische Richtungen. Diese suchen dadurch, dass der Mensch sich, wie man sagt, in das eigene Innere versenkt, vorzudringen in tiefere Schächte des menschlichen Seelenlebens. Sie suchen aus diesen tieferen Schächten heraufzuholen dasjenige, was im gewöhnlichen Leben nicht da ist, und was das Ewige in der Seele verbindet mit den ewigen, die Welt lenkenden Weltenmächten. Anthroposophie muss auf diese beiden Klippen aufmerksam machen aus dem Grunde, weil sie zeigen muss, wie es ihr durchaus ernst ist, weder nach der einen Seite noch nach der anderen Seite hin, leichtsinnig bei etwas stehen zu bleiben, das doch nicht einen sicheren Erkenntnishalt geben kann. Wer nämlich unbefangen das eigene menschliche Seeleninnere beobachten kann — sehr verehrte Anwesende —, der kann ebenso wenig bei einer mehr oder weniger nebelhaften Mystik stehen bleiben, wie er über die Grenzen der Naturerkenntnis durch das sich selbst überlassene Denken hinaus kann. Man weiß gewöhnlich nicht, wie dasjenige, was im Innern der Seele lebt, zusammenhängt mit den äußeren sinnlichen Eindrücken. Man weiß gewöhnlich nicht, wie eigentümlich dasjenige, was menschliches Gedächtnis, menschliche Erinnerung ist, wirkt. Da hat irgendjemand vor Jahrzehnten vielleicht unbewusst oder unterbewusst, ohne dass er es voll bemerkt hat, irgendeinen Eindruck aus der Außenwelt empfangen. Er ist hinuntergezogen in das seelische Leben; da hat er sich verwandelt. Er hat sich vielleicht verbunden mit dem menschlichen Gefühlsleben; hat sich verbunden mit den menschlichen Sympathien und Antipathien, mit den Willensimpulsen. Er ist etwas ganz anderes geworden, aber er ist doch nur ein umgewandelter äußerer Eindruck. Und dann wird er, wie man sagt, durch innere Versenkung heraufgeholt aus der Seele und wird für etwas gehalten, das aus ewigen Untergründen komme, das nicht aus irgendeiner Außenwelt durch einen äußeren Eindruck gekommen sei. Illusionen über Illusionen können bei nebelhafter Mystik auf diese Weise entstehen. Daher kann Anthroposophie durchaus auch nicht stehen bleiben bei diesem mystischen Sichversenken in das menschliche Innere. Wenn dieses menschliche Innere so genommen wird, wie es im gewöhnlichen Leben dasteht, und wie es auch zur Forschung in der gewöhnlichen Wissenschaft verwendet wird.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Das Wesen der Anthroposophie","site_heading":null,"date":"1922-01-23","location":null,"word_count":386,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/80a/1922-01-23/p008","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/80a/1922-01-23/p008"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/80a/1922-01-23/p008","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}