Das Wesen der Anthroposophie

GA 80a/1922-01-23/p013 ·1922-01-23 · original (original)
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Dadurch mache ich schon darauf aufmerksam — meine sehr verehrten Anwesenden —, dass dasjenige, was Anthroposophie als Erkenntnisweg anstrebt, nicht verwechselt werden darf, wie es heute leider noch vielfach geschieht, mit alledem, was nach der pathologischen, der krankhaften Seite des Seelenlebens hinneigt. Für denjenigen, der das menschliche Seelenleben unbefangen betrachten kann, ist es klar, dass schon die gewöhnliche Erinnerung - allerdings, sie liegt auf gesundem Gebiet, selbstverständlich —, aber, dass schon die gewöhnliche Erinnerung gebunden ist an den menschlichen physischen Organismus, und dass, wenn das normale Gebundensein der menschlichen Seele an den physischen Organismus im Erinnern nach der abnormen Seite sich hin entwickelt, wenn das Seelenleben mehr gebunden wird, intimer gebunden wird an den physischen Organismus, jene pathologischen Zustände auftreten, die sich in Halluzinationen, in Visionen, in Illusionen, in der leichten Suggerierbarkeit und so weiter kundgeben, und die gerade nach dem entgegengesetzten Pol hin liegen, als demjenigen, nach dem anthroposophische Erkenntniswege führen. Alles dasjenige, was da pathologisch uns entgegentritt, das führt das Seelenleben tiefer hinunter in die körperlichen Funktionen, tiefer hinunter, als die Erinnerungsfähigkeit liegt. Dasjenige, was ausgebildet wird durch die geschilderte Erkraftung des Denkens, das macht das menschliche Denken immer ähnlicher und ähnlicher dem Verhalten der menschlichen Seele beim Aufnehmen eines äußeren sinnlichen Wahrnehmungseindruckes. Wie da der Mensch viel lebendiger diesem sinnlichen Eindruck hingegeben ist, als dem gewöhnlichen, mehr passiven Denken, so soll eben das Denken erkraftet werden, damit es so lebendig, so intensiv werde wie sonst das Erleben eines äußeren sinnlichen Eindruckes. Gerade an diesem Lebendigwerden der Gedankenwelt merkt man immer mehr und mehr, dass man in ein Seelenleben hineindringt, das nicht das gewöhnliche ist. Sie wissen ja — meine verehrten Anwesenden —, wie blass, mit Recht blass genannt wird das gewöhnliche Gedankenleben gegenüber dem Leben in sinnlichen Eindrücken und überhaupt in äußeren Vorgängen. So wie man sonst in sinnlichen Eindrücken und äußeren Vorgängen lebt, so soll das ganze Gedankenleben werden für diejenigen Zeiten, in denen man der übersinnlichen Erkenntnis sich hingeben will.

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