Das Wesen der Anthroposophie
Nun muss ich, damit ich nicht missverstanden werde, noch einen anderen Unterschied angeben gegenüber den abnormen Seelenzuständen, die ich eben genannt habe, das ist: Indem derjenige, der anthroposophische Forschung sucht, solches Erkraften des Denkens entwickelt, bleibt immerzu in ihrer vollen, gesunden Seelenverfassung die gewöhnliche Persönlichkeit bestehen. Es entwickelt sich gewissermaßen eine zweite Persönlichkeit. Und die erste, die Persönlichkeit mit dem gesunden Menschenverstand, mit der gesunden Kritik, bleibt kontrollierend neben der entwickelten Persönlichkeit, der Persönlichkeit mit der höheren Erkenntnisfähigkeit bestehen. Wenn jemand in Halluzinationen, in Visionen, in Illusionen verfällt, wenn er zum Medium wird, wenn er Suggestionen ausgesetzt ist, dann geht seine ganze gewöhnliche, gesunde Persönlichkeit in den Zustand des Halluzinierens, der Illusionen und so weiter über. Das ist der radikale Unterschied des durch und durch gesunden anthroposophischen Weges, dass die gewöhnliche Persönlichkeit immer so gesund, als sie sonst im Leben dasteht, kontrollierend, Kritik übend, neben der entwickelten anderen Persönlichkeit bestehen bleibt. Indem das vorausgesetzt wird, darf dann erst gesagt werden, dass — es dauert bei dem einen, je nach Anlage, jahrelang, bei dem anderen nur Monate, mancher kann in wenigen Wochen das erreichen durch Meditieren und durch Konzentration auf einen bestimmten Gedankeninhalt, so nenne ich es —, es darf gesagt werden, dass dadurch erreicht werden kann, dass der Mensch ähnlich fühlt wie beim gewöhnlichen Denken. Beim gewöhnlichen Denken braucht er den physischen Organismus. In dieser Beziehung — könnte man sagen — erkennt die anthroposophische Geisteswissenschaft das Berechtigte des Materialismus voll an.
Cite:
GA 80a/1922-01-23/p014 · edition original