Das Wesen der Anthroposophie
Man lernt dasjenige erkennen, was ich genannt habe den Bildekräfteleib des Menschen. Man lernt erkennen wirklich einen zweiten Leib. Aber wenn man ihn genau charakterisieren will, muss man sagen: Er ist ein Zeitleib. Er ist etwas, was sich immer beweglich fortentwickelt. Man kann es nicht zeichnen, ohne dass man sich bewusst wird, dass man so zeichnet oder malt, wie man den Blitz malt. Dasjenige, was in der Zeit beweglich ist, kann man nur in einem Augenblick festhalten, so auch diesen menschlichen Bildekräfteleib. In Wahrheit ist er eine einheitlich in der Zeit verlaufende Organisation, und man muss ihn in einer solchen Art verstehen. Ältere Ahnungen hat es ja immer gegeben für solche höheren Erkenntnisse, und man hat dasjenige, was ich Bildekräfteleib nenne, auch Äther- oder Lebensleib genannt. Lernt man es erkennen in der angedeuteten Weise, nicht durch logische Schlüsse oder sonst, sondern durch unmittelbare innere Anschauung mit der hergestellten imaginativen Erkenntnis, dann weiß man ein für alle Mal: Dasjenige, was menschliche Organisation ist, spielt sich nicht nur dadurch ab, dass eine Summe von chemischen und physischen Kräften da ist, die den menschlichen physischen Leib konstituieren, sondern dadurch, dass ein Geistig-Seelisches eingezogen ist in die physische Organisation mit der Geburt oder Konzeption, und dass ein zweiter, ein geistig-seelischer, ein übersinnlicher Leib, der nur nicht bloß räumlich, der zeitlich ist, der immer beweglich ist, in uns arbeitet. Und man lernt erkennen die innere Verwandtschaft, die besteht zwischen dem Denken, dem Vorstellen und den Wachstumskräften. Solange man nur den Menschen physiologisch und biologisch betrachtet, findet man auf der einen Seite die Wachstumskräfte, auf der anderen Seite, etwa durch innere Beobachtung, die abstrakten Denkkräfte. Durch die imaginative Anschauung, von der ich eben gesprochen habe, lernt man erkennen, wie ein allmählicher Übergang stattfindet zwischen den gewöhnlichen Wachstumskräften und den Denkkräften, wie das Vorstellen selber, indem es sich erkraftet, in dasjenige hineinführt, was zu gleicher Zeit das Wachstum bewirkt, die Entwicklung der inneren organischen Kraft von Stufe zu Stufe im heranwachsenden Menschen. So wird imaginative Erkenntnis zu einem ersten Ergebnis anthroposophischer Innenforschung.
Cite:
GA 80a/1922-01-23/p018 · edition original