{"corpus":"steiner","locus":"GA 80a/1922-01-23/p025","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Ist auf der einen Seite für Anthroposophie — ich möchte sagen — eine Art Ideal das Seelenerleben an der äußeren Wahrnehmung, so wird nach der anderen Seite für die Entfaltung in der Seele schlummernder Willenskräfte dasjenige ein Ideal, was im sittlichen Leben, vor allen Dingen im hingebungsvollen Leben der Liebe, in der menschlichen Seele stattfindet. Ich weiß — meine sehr verehrten Anwesenden —, wenn von hingebungsvoller Liebe gesprochen wird, da wird etwas genannt, was sehr viele Menschen weit wegstellen wollen von allen wirklichen Erkenntniskräften. Allein es ist auch nicht die Rede davon, dass die Liebe, wie sie im gewöhnlichen Leben vorhanden und berechtigt ist, schon irgendeine Erkenntniskraft sein soll. Aber so, wie das Denken nach der einen Seite ausgebildet wird, so wird auch die hingebungsvolle Liebefähigkeit nach der anderen Seite ausgebildet, um dadurch den Willen ebenso frei zu machen vom physischen Organismus, wie das Gedankenleben in der angedeuteten Weise frei gemacht werden kann vom physischen Organismus. Scheinbar sind es durchaus nicht seelische Übungen in der Liebefähigkeit, die da in Betracht kommen. Dennoch, sie führen zu einer bis zur Erkenntnismäßigkeit gesteigerten Liebefähigkeit. Ich will auch hier wiederum das Prinzipielle andeuten. Eine solche Übung, eine solche Fähigkeit, die insbesondere den Willen entwickelt, ist die folgende: Man stellt irgendetwas, von dem man gewöhnt ist, es nur in einer gewissen Weise vom Früheren zum Späteren, vom Anfang bis Ende vorzustellen, nunmehr in umgekehrter Folge vor. Zum Beispiel ein Drama stellt man vor von dem letzten Ereignis des fünften Aktes rückwärts bis zum ersten Ereignis des ersten Aktes. Oder man stellt sich eine Melodie umgekehrt vor. Oder auch man stellt nur am Abend das gewöhnliche Tagesleben in umgekehrter Folge vor. Aber man muss möglichst in die Einzelheiten eingehen, muss in kleinen Partien umgekehrt vorstellen.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Das Wesen der Anthroposophie","site_heading":null,"date":"1922-01-23","location":null,"word_count":289,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/80a/1922-01-23/p025","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/80a/1922-01-23/p025"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/80a/1922-01-23/p025","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}