Das Wesen der Anthroposophie
Was hat das für einen Sinn? Meine sehr verehrten Anwesenden, im gewöhnlichen Leben entfalten wir das Denken an der äußeren Tatsachenfolge. Das Denken ist passiiv der äußeren Tatsachenfolge hingegeben. Dadurch macht es sich auch abhängig von den Gesetzen des physischen menschlichen Organismus. Der physische menschliche Organismus ist mit den physischen Sinnen der äußeren Tatsachenfolge hingegeben. Das Denken ist von dieser Tatsachenfolge abhängig. Und indem es erinnerungsmäßig wiederum die Erlebnisse bildhaft heraufbringt, bleibt es dennoch abhängig von der äußeren Tatsachenfolge. Gewiss, man kann einwenden: Mit logischem Denken macht sich der Mensch von dieser Tatsachenfolge unabhängig. Aber worauf zielt er denn schließlich zumeist, wenn er sich unabhängig macht? Gerade darauf, die äußere Tatsachenfolge erst recht gut zu erkennen. Wir denken logisch, damit wir den räumlichen und zeitlichen Verfolg der Tatsachen erst recht gut durchschauen. Von dieser Abhängigkeit von der äußeren Tatsachenwelt, aber auch der Abhängigkeit des Denkens, werden wir herausgehoben dadurch, dass wir in dieser Weise das Denken entwickeln, indem wir von rückwärts nach vorne, also umgekehrt der äußeren Tatsachenfolge, denken. Dadurch aber entwickeln wir nun den Willen. Im Seelenleben ist es so, dass durchaus Gedanken, Gefühle, Wille ineinanderspielen. Im abstrakten Denken können wir die drei trennen; im Seelenleben ist in jedem Denken der Wille enthalten, indem er die Gedanken verbindet und trennt; und im Willen sind die Gedanken wirksam, wenn auch der Zusammenhang der Gedanken zunächst für das gewöhnliche Bewusstsein so unklar ist, wie etwa der nächtlich schlafende Bewusstseinszustand. Aber gerade der Wille, der an das Denken hingegeben ist, er entwickelt sich frei und unabhängig von der Tatsachenwelt und auch von der menschlichen Körperlichkeit durch solches umgekehrtes Denken.
Cite:
GA 80a/1922-01-23/p026 · edition original