Das Wesen der Anthroposophie

GA 80a/1922-01-23/p030 ·1922-01-23 · original (original)
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Diese intuitive Erkenntnis, die für das Anschauen der äußeren geistigen Welt in gewisser Beziehung die höchste Erkenntnisstufe ist, sie tritt uns im gewöhnlichen Leben, wenn auch in anderer Form, schon entgegen. Und ich musste bereits Anfang der neunziger Jahre — wenn ich diese persönliche Bemerkung machen darf — aus meiner eigenen Seelenentwicklung heraus in meiner «Philosophie der Freiheit» darauf aufmerksam machen, wie die moralischen, die sittlichen Impulse des Menschen — und das moralische, das sittliche Leben gibt ja dem Menschen seinen eigentlichen Wert und seine eigentliche Würde — aus einer Welt geschöpft werden, die ich auch dazumal eine intuitive Welt genannt habe, eine Welt der geistigen Wesenhaftigkeiten. Und ich sagte schon in dieser «Philosophie der Freiheit»: Dasjenige, was die wahren moralischen Impulse sind, sie werden aus einer geistig-übersinnlichen Welt geholt durch reines, sinnlichkeitfreies Denken. Ich begründete die Freiheit im menschlichen Leben dadurch, dass ich aufmerksam machte: Die Frage wird gewöhnlich falsch gestellt. Man fragt: Ist der Mensch frei oder unfrei? Er ist ebenso wohl frei wie auch unfrei. Unfrei in Bezug auf alles das, was die gewöhnlichen Handlungen des Lebens sind, die an den physischen Organismus gebunden sind, wo sie von Instinkten, Trieben impulsiert werden. Aber der Mensch entwickelt sich immer mehr und mehr zur Freiheit, indem er dazu kommt, schon im gewöhnlichen Leben, wenn auch mehr oder weniger unbewusst, aus einer geistigen Welt durch reines Denken seine Impulse für das sittliche, das moralische Leben herauszuholen. Und soweit ist der Mensch frei, als ihm seine moralischen Impulse aus einer geistigen Welt kommen. Daher wird dasjenige, was der Mensch als moralische Intuitionen erfasst, zum Vorbild für dasjenige, was nun in anthroposophischer Forschung als höchste Erkenntnisstufe, als die intuitive Stufe geltend gemacht werden muss.

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