Das Wesen der Anthroposophie
Nur einzelne Beispiele kann ich anführen von dieser praktischen Auswirkung der Anthroposophie. Als Drittes möchte ich anführen die Freie Waldorfschule in Stuttgart, die ja auch eine gewisse Nachfolge sogar hier schon gefunden hat. Diese Freie Waldorfschule ist begründet worden von Emil Molt; sie wird von mir geleitet. Sie wird so geleitet, dass nicht etwa da irgendwie in eine Opposition getreten werden soll zu den großen Errungenschaften der Pädagogik und Didaktik des neunzehnten und des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts. Eingedenk ist man der großen pädagogischen Maximen, die da sind. Allein gerade dasjenige, was heute oftmals auf dem Gebiete des Erziehungswesens als Sehnsucht nach Reformen auftritt, zeigt, dass etwas notwendig ist, um die gutgemeinten Maximen der großen Pädagogen im Einzelnen praktisch auszuführen. Nicht neue theoretische Maximen an die Stelle der alten will auf diesem Gebiet Anthroposophie setzen, sondern der praktischen Ausführung will sie dienen. Daher ist die Freie Waldorfschule in Stuttgart durchaus eine Schule, wo nicht etwa Anthroposophie in die Kinder hineingepfropft werden soll, das liegt uns ganz fern. Wir haben deshalb ruhig den katholischen Religionsunterricht dem katholischen Seelsorger, den evangelischen Religionsunterricht dem evangelischen Seelsorger übertragen. Nur für diejenigen Kinder, die Dissidentenkinder sein würden sonst, haben wir durch einen freien Religionsunterricht gesorgt. Dasjenige, was Weltanschauung auf einem religiösen Gebiete ist, das ist nicht dasjenige wodurch die Waldorfschule ihren spezifischen Charakter bekommt. Dasjenige, wodurch sie wirken will, ist, dass anthroposophische Erkenntnis den Menschen erkennen lehrt nach Leib, Seele und Geist, erkennen lehrt schon im Kinde; dass man aus Menschenkenntnis heraus für jedes Schuljahr, für jeden Monat, für jede Woche den Lehrplan aus dem Kinde ablesen kann; dass man aus wahrer Menschenkenntnis heraus wirklich die pädagogische Kunst und die didaktische Kunst, die Erziehungs- und Unterrichtskunst begründen kann. In das Handhaben der Erziehung und des Unterrichts, in das «Wie», wie man die Sache ausführt, soll hineinwirken dasjenige, was Anthroposophie geben kann. Und wenn man dieser Anthroposophie nicht eben noch so antipathisch gegenüberstünde, rein aus Missverständnis, wie man das tut, so würden ja solche Dinge, wie sie zum Beispiel in diesem Sommer aufgetreten sind während des anthroposophischen Kongresses in Stuttgart, weit mehr berücksichtigt werden.
Cite:
GA 80a/1922-01-23/p042 · edition original