Das Wesen der Anthroposophie
Das menschliche Fühlen und Empfinden wird, wie ich schon angedeutet habe, von der Ausbildung der Gedanken- und Willenskräfte mitgenommen. Dieses menschliche Fühlen, insofern es sich in der religiösen Frömmigkeit auslebt und ausleben will, es kann nur eine Vertiefung erfahren dadurch, dass vor die menschliche Seele auch erkenntnismäßig hingestellt wird dasjenige, was ewig in der Seele, was geistig-übersinnlich im Kosmos ist. Anthroposophie will ganz gewiss nicht irgendeine sektiererische Bewegung in der Welt begründen. Sie will nicht eine neue Religion stiften. Nehmen Sie den ganzen Sinn desjenigen, was ich versuchte heute auseinanderzusetzen, es ist etwas, was wissenschaftlich streben will, was allerdings durch seine besondere Art des wissenschaftlichen Strebens niemals zu einer bloßen Spezialität werden kann, weil es jeden Menschen angeht. Daher kann man nicht sagen: Anthroposophie ist etwas wie Botanik oder Zoologie oder Geometrie, die in ihren höheren Partien nur von einzelnen Spezialisten erkannt werden können. Anthroposophie ist etwas, was jeden Menschen angeht. Und die Geistesentwicklung wird es schon mit sich bringen, dass es immer mehr und mehr Menschen angehen wird. Und jeder Mensch kann durch dasjenige, was in ihm selber nach Leib, Seele und Geist ist, wenn er nur unbefangen ist, dasjenige verstehen und entgegennehmen, was Anthroposophie, allerdings als Ergebnis mühseliger Forschungswege, hinzustellen hat vor die Welt. Dadurch aber, dass als Forschungsergebnis die übersinnliche Welt auftritt, wird das religiöse Leben dem Menschen wahrhaftig nicht genommen, sondern vertieft. Religionen hätten alle Ursache, zur Anthroposophie als zu etwas hinzuschauen, was ihnen eine Hilfsleistung bieten kann, was gerade den Menschen dasjenige geben kann, was sie brauchen, um wiederum zur religiösen Frömmigkeit zu kommen, nachdem das sonstige Leben von dieser religiösen Frömmigkeit viel weggenommen hat, insbesondere das moderne Geistesleben. Es ist daher ein völliges Missverständnis, wenn man glaubt, dass wahre, echte, religiöse Frömmigkeit, wahres, echtes religiöses Erleben irgendwie gefährdet werden könnte durch Anthroposophie. So ist auch dieses Gebiet ein solches, wo Anthroposophie durchaus befruchtend wirken kann.
Cite:
GA 80a/1922-01-23/p049 · edition original