Anthroposophie und die Rätsel der Seele
Sie sehen daraus — sehr verehrte Anwesende —, die Anthroposophie kann nicht in irgendeiner leichtsinnigen Weise über die menschliche Unsterblichkeit philosophisch spekulieren oder mystisch phantasieren. Sie muss Stück für Stück aufzeigen, wie der Mensch in systematischer innerer Entwicklung aufsteigt zu einem Schauen, das ihn zum Beispiel befähigt, wirklich das zu erkennen, was als geistig-seelischer, ewiger Wesenskern des Menschen durch Geburt und Tod hindurchgeht, unberührt von der physischen Leiblichkeit. Und jetzt können wir sagen, wie dasjenige, was von der physischen Leiblichkeit als Leichnam nach dem Tode den äußeren Naturgesetzen verfällt, sich zu dem verhält, was als Geistig-Seelisches in der meditativen oder in der Willensentwicklung erreicht werden kann. Gerade den umgekehrten Weg, den der Mensch einschlägt, indem er als physische Persönlichkeit durch den Tod durchgeht, gerade den umgekehrten Weg schlägt anthroposophische Erkenntnis, anthroposophisches Leben ein. Der Tod vereinigt den Menschen mit der physisch-sinnlichen Wirklichkeit, wie wir sie durch unsere intellektualistische Erkenntnis durchschauen können. Was als Übung durchgemacht wird in anthroposophischer Forschungsmethode, das vereinigt die Seele mit dem Geistigen, indem es sie sowohl nach dem Gedanken wie nach dem Willen hin losreißt von dem Physisch-Leiblichen. Und indem Wille und Gedanke losgerissen werden von dem Physisch-Leiblichen, wird auch das Gemüt, die Empfindung und das Gefühl, das ja in der Mitte des Seelenlebens und das Intimste des Seelenlebens ist, losgerissen von der physischen Leiblichkeit. Man lernt das erkennen, was sich dem Tode entringen kann, und man lernt es erkennen, indem man zugleich einsehen lernt, was der Tod für eine Bedeutung im Menschenleben nun unter solchen Voraussetzungen eigentlich hat.
Cite:
GA 80a/1922-01-26/p037 · edition original