Anthroposophie und die Rätsel der Seele
Immer, wenn das sprießende, sprossende organische Leben, das in der Ernährung lebt, überhandnimmt und sich ganz besonders ausbildet, wenn der Mensch im Schlafe verharrt, immer, wenn das aufbauende Leben, das wir besonders in der Kindheit entwickeln, wo wir unsern Organismus plastisch gestalten müssen, vorherrscht, dann tritt das bewusste Gedankenleben zurück. Es wendet sich nämlich das bewusste Gedankenleben im physischen Organismus nicht an die aufbauenden Kräfte, sondern an die abbauenden, an die Sterbekräfte, an jene Kräfte, die nur summarisch, in einem einzigen Augenblick, aufs Höchste gesteigert, im menschlichen Tode auftreten. Man möchte sagen: Was im Tode in höchster Steigerung erscheint, lebt immerfort in uns, und würde es nicht in uns leben, so würde sich das gewöhnliche Denken des Menschen nicht entwickeln können. Dieses gewöhnliche Denken wendert sich an die immer in uns absterbenden Kräfte, an die abbauenden Kräfte, die uns in der zweiten Hälfte des Lebens altern lassen, indem sie da die Oberhand bekommen gegen die ja auch immer in uns vorhandenen, uns verjüngenden Kräfte. Diese verjüngenden Kräfte wirken ja im Wollen und im Unterbewussten des Denkens. Aber während das gewöhnliche Erkennen es mit den abbauenden Kräften zu tun hat, wendet die übersinnliche Erkenntnis, wie sie von der Anthroposophie erstrebt wird, das Erkennen gerade nach dem Gegenpol hin.
Cite:
GA 80a/1922-01-26/p039 · edition original