Anthroposophie und die Rätsel der Seele
Anthroposophie will durchaus die einzelnen alltäglichen Ereignisse des Seelenlebens — das gewöhnliche Denken, das sie verbunden fühlt mit den Sterbekräften, und das gewöhnliche Wollen, das sie verbunden fühlt mit den Aufbau-, mit den Wachstumskräften — so verfolgen, dass in ihrer Weiterverfolgung gefunden werden können Wege zur Lösung des großen Seelenrätsels der menschlichen Unsterblichkeit. Ich möchte sagen: Das Seelenwesen wird innerlich erkenntnismäßig durchleuchtet, wenn wir zu dem, was wir im gewöhnlichen Seelenleben nur als ein Spiegelbild der sinnlichen Erkenntnis haben, hinzufügen können in dieser Weise die übersinnliche Erkenntnis. Wir tragen zwar im gewöhnlichen Leben die unsterbliche Seele in uns, allein diese unsterbliche Seele ist ja nur ausgefüllt mit dem, was sie von den äußeren Eindrücken bekommt. Auch unsere Erinnerungen sind zuletzt nur Reminiszenzen an die äußeren Eindrücke, wenn auch diese äußeren Eindrücke in Willen und Gemüt aufgenommen und verwandelt worden sind. Und auch das, was eine gewöhnliche Mystik oft für eine Offenbarung hält, erweist sich für eine unbefangene Erkenntnis doch nur als Widerspiegelung des äußeren physisch-sinnlichen Daseins. Der Mensch trägt in sich das Unsterbliche, aber er muss sich erst der tieferen Gründe dieses seines eigenen Wesens im übersinnlichen Schauen bewusst werden, indem er sein ganzes Erkenntnisvermögen verwandelt.
Cite:
GA 80a/1922-01-26/p041 · edition original