Anthroposophie und Geisteserkenntnis
Die andere ist — ich möchte sagen — polarisch entgegengesetzt. Wir erleben sie wieder mehr oder weniger unbewusst — bei den meisten Menschen unbewusst —, wenn wir übergehen von dem Schlafzustande in den Wachzustand, höchstens mit dem Übergang über mehr oder weniger chaotische Träume, von denen wir aber bei gesunder Vernunft wissen, dass sie nur einen illusorischen Wert haben gegenüber dem, was wir im gewöhnlichen Leben die Wirklichkeit des Daseins nennen. Mit diesem Übergang durch das Traumleben nehmen wir mit unserem Geistigen Besitz von unserem Leiblichen. Wenn wir aufwachen; wir ergreifen unsere Sinne, wie die Außenwelt in ihren Farben, in ihren Tönen und so weiter sich in unseren Sinnen spiegelt, das erleben wir innerlich. Wir erleben innerlich, wie wir unsere Willensglieder ergreifen, zu handelnden Menschen dadurch werden. Allein, ich habe es ja schon im letzten Vortrage hier von einem anderen Gesichtspunkte angedeutet, in welches Dunkel schauen wir eigentlich hinunter, wenn wir nur einen einfachen Willensentschluss haben, wenn wir uns vornehmen, den Arm zu erheben, die Hand zu bewegen. Wir haben diesen Gedanken, wir sehen dann, wie dieser Gedanke ausgeführt wird an der Bewegung der Hand, an dem gehobenen Arm, wie aber der Gedanke hinunterströmt in den Organismus, was da an komplizierten Vorgängen vorhanden ist, bis die Hand bewegt wird, das alles entschwindet unserem Bewusstsein. Wir ergreifen beim Aufwachen mit unserem Geiste unseren Organismus, allein was dieser Geist da unten an Erlebnissen hat, das hüllt sich auch während des Wachzustandes in eine völlige Dunkelheit, sodass wir auch in diesem Wachzustande unserer Geistigkeit gegenüber und ihrem Verhältnis zur äußeren Welt — zur äußeren Welt, die wir selbst durch unseren Körper sind — nur ein unbestimmtes Verhältnis haben, das uns Rätsel aufgibt. Während wir empfinden die Ohnmacht des Geistes auf der einen Seite, empfinden wir sie hinuntersinken in unsere eigene innere Finsternis beim Aufwachen. Aus solchen Erlebnissen heraus bilden sich dem Menschen die Rätselfragen über das Wesen der Geistigkeit, und dann stehen zwei — ich möchte sagen — Gegner des Seelenlebens vor dieser geistigen Welt, nach der der Mensch mit seiner Erkenntnis, mit seinem Willen hinstrebt, zwei Feinde, von denen der eine ihm diese geistige Welt trübt, der andere sie ihm zu nehmen droht. Der eine Feind, er trifft gerade diejenigen, welche mehr oder weniger naiv auch noch in unserem heutigen Dasein gegenüber unseren wissenschaftlichen Weltanschauungen dahinleben, manches Traditionelle ungeprüft in ihre Weltanschauung aufnehmen als ihre Vorstellungen, oftmals als die ärgsten Illusionen über das Übersinnliche, über das Geistige, weil sie eben fühlen, dass sie ohne solche Vorstellungen über das Geistige eigentlich nicht wahrhaft seelisch gesund leben können. Da geben sie sich dann hin demjenigen, was von dem einen Feind des Seelenlebens kommt, von dem Aberglauben. Aus dem menschlichen Willensleben strömen allerlei Seelengebilde, die sich hinstellen vor den Menschengeist, die ihm sagen wollen, was als Geistiges der äußeren Welt zugrunde liegt. Derjenige, der nicht kennengelernt hat die wissenschaftliche Gewissenhaftigkeit und Methodik der Gegenwart, er gibt sich sehr leicht solchen Vorstellungen hin, aber er erlebt auch eine traurige Folge des Aberglaubens in der menschlichen Seele. Wenn wir die Welt so auffassen, dass wir dasjenige, was durch unseren Willen in unser Bewusstsein heraufströmt, als maßgebend für das Übersinnliche annehmen, dann treten wir hin; wir wollen die äußere Welt erkennen. An allen Ecken und Enden finden wir Hindernisse, um uns in der äußeren Welt zu orientieren. Wir glauben, dass dieses oder jenes gelten muss in der Sinnenwelt, weil wir es annehmen durch unseren Aberglauben. Die äußere Natur bewahrheitet uns das auf Schritt und Tritt nicht, was wir voraussetzen in unserem abergläubischen Erleben. Dadurch kommen wir in eine gewisse Umorientierung hinein gegenüber dieser Außenwelt. Die Welt erscheint uns anders, als wir sie vorstellen. Wir werden unsicher in uns selbst, und weil wir unsicher in uns selbst werden, verlieren wir die Fähigkeit, starke Impulse für unser Handeln auszubilden. Wir werden untauglich auch für unser eigenes Handeln, wir werden untauglich für den Verkehr mit andern Menschen.
Cite:
GA 80a/1922-05-16/p006 · edition original