Anthroposophie und Geisteserkenntnis
Wir können nicht den Yoga-Weg haben. Den Yoga-Weg, wir können ihn aus dem Grunde nicht gehen, weil derjenige, der in der geschilderten Weise sich in sein Atmen hineinlebt, und dann in das [von] Atmung durchströmte Denken hineinlebt, weil der in einem so hohen Grade sensitiv wird, dass er die robuste äußere Welt nicht mehr in starkem Maße ertragen kann. Er muss sich wegen dieser seiner Sensitivität zurückziehen von der äußeren Welt, er muss sich einer gewissen Einsamkeit, ja Einsiedelei ergeben. Aber es war eben in den Anschauungen der alten Menschen das, dass sie Weisheit über höhere Welten gerade bei denjenigen suchten, die nicht so erlebten wie sie selbst, sondern die sich absonderten, sich gewissermaßen in die Ecke stellten, um in dieser Einsamkeit hinaufzustreben in die höhere Welt, um zu erkunden dasjenige, was übersinnlich in der menschlichen Natur ist, um es den anderen verkünden zu können. Heute kann der gesunde Mensch kein Verhältnis finden zu Menschennaturen, die in dieser Weise Einsamkeit, Einsiedelei aufsuchen. Das heutige Leben stellt harte Anforderungen, dass wir uns in es hineinfinden in seiner Regsamkeit, und der heutige Mensch kann auch in Bezug auf die Erkenntnis nur zu dem Vertrauen haben, der sich nicht zurückzuziehen braucht vom Leben, sondern der sich so hineinstellt in das Leben wie jeder andere. Daher können wir den Yoga-Weg nicht brauchen. Er würde kein Vertrauen hervorrufen bei demjenigen, der sich selbst versteht innerhalb der modernen Kulturentwicklung.
Cite:
GA 80a/1922-05-16/p020 · edition original