Anthroposophie und Geisteserkenntnis
Ich möchte einen anderen Vergleich gebrauchen, den ich schon öfters — ich glaube auch hier — gebraucht habe. Derjenige, der ein Bild, das gemalt ist, beurteilen will nach Schönheit, nach künstlerischem Wert, er braucht nicht selber ein Maler zu sein. Des Menschen Organisation ist auf Wahrheit und Schönheit hin gerichtet. Auch derjenige, der kein Geistesforscher ist, und dessen Verstand nicht auf Illusionen und Irrtum hinorientiert ist, er kann durch seinen gesunden Menschenverstand dasjenige, was der Geistesforscher sagt, prüfen. Und auch der Geistesforscher, er muss dasjenige, was sich ihm offenbart, er muss das erst durch seinen gesunden Menschenverstand prüfen, er muss ihn ebenso anwenden wie der andere, denn das höhere Schauen liefert ihm eine höhere Welt, aber nicht deren Wirklichkeit. Wie wir den Traum erst durch den gesunden Menschenverstand prüfen, so müssen wir erst den Wirklichkeitsgehalt dessen, was wir anschauen in höheren Welten, durch den Menschenverstand prüfen. Derjenige, der sich das exakte Hellsehen aneignet — nicht das alte mystische Hellsehen —, derjenige, der sich aneignet dieses moderne Hellsehen, der findet sich hinein in die geistige Welt auf denjenigen Wegen, die dem heutigen Menschen durchaus angemessen sind, und dasjenige, was er da erkundet, das kann mit dem gesunden Menschenverstande in der angedeuteten Weise durchaus geprüft werden.
Cite:
GA 80a/1922-05-16/p043 · edition original