Anthroposophie und Geisteserkenntnis

GA 80a/1922-05-16/p044 ·1922-05-16 · original (original)
Record: unknown. How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.

Was aber wird dadurch für unsere heutige Zivilisation erlangt, meine sehr verehrten Anwesenden? Nun, das ist nicht gleichgültig, was da erlangt wird. Dasjenige, was erlangt wird, wir können es durchaus brauchen. Haben wir heute Geistigkeit? Wir haben Gedanken über den Geist und wir leben wohl in diesen Gedanken und Ideen. Wenn wir aber zurückschauen in ältere Zeiten, so war es anders. Ja — meine sehr verehrten Anwesenden —, es war anders. Wir wollen alte Zeiten nicht wiederum heraufzaubern, wir wollen sie auch nicht überschätzen. Wir wissen, dass die Menschheit es immer weiter bringen muss, wir wollen nicht in reaktionärer Weise das heraufholen, was einer überwundenen Epoche angehört. Wenn wir aber hinüberschauen auf die alten Epochen, aus denen manch unbewusstes Glaubensergebnis herüberkommt, dann sehen wir: In jenen alten Zeiten waren eben solche Erkenntnisse da, durch die der Geist nicht nur in Gedanken erfasst wurde, sondern durch die der Geist lebendig einzog in die ganze menschliche Wesenheit. Von einem Menschen dieser Zeiten kann man sagen, nicht nur: Er hat Gedanken über den Geist, er hat Ideen über den Geist, sondern durch seine Gedanken und Ideen zieht der lebendige Geist in die menschliche Wesenheit ein. Solche Epochen hat es gegeben, und solche Epochen haben eigentlich die rechte Kraft und die rechten Impulse der Menschheitsentwicklung gegeben, wo man gewusst hat, unter uns lebt der Geist, unter uns lebt die Göttlichkeit. Erst da vertiefte sich die geistige Erkenntnis zu der wahrhaft religiösen Frömmigkeit. Können solche Zeiten, aber nicht in der alten Gestalt, sondern in der modernen Gestalt, wieder heraufziehen, so erwirbt sich der Mensch dadurch, dass er sich anthroposophisch erkenntnismäßig vertieft, eine wahre religiöse Innerlichkeit, eine angemessene Frömmigkeit. Aber dadurch wird für das moderne Wesen dasjenige wiederum gewonnen, dass eine Zeit kommen wird, wo nicht bloß, wie es heute der Fall ist, in der Trockenheit die Gedanken und die Ideen leben von der Geistigkeit. Geistigkeit wird einziehen durch den lebendigen Gedanken. Und durch die Leid überwindende Wirklichkeitsvorstellung wird einziehen in den Menschen der lebendige Gedanke, die lebendige Wirklichkeit, der Geist selbst in seiner Lebendigkeit. Eine solche Zeit müssen wir heraufsehnen, weil wir sie brauchen, in der wir uns wieder sagen: Nicht nur wir stehen in der Welt da, wir als Menschengestalten mit unseren äußerlich als zufällig angesehenen Handlungen, sondern indem wir Menschen ja selber Geistiges umfassend sind, unser Verhältnis zum ewigen Geist erkennen, erkennen wir, wie neben uns wirken andere Geistwesen, eine geistige Welt, ebenso wie die sinnliche, wie die Geister nicht bloß in unseren Gedanken leben, sondern wie sie neben uns im Erdenleben unsere Mitgenossen sind.

Read this passage in another edition
DEoriginalENEnglish
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/80a/1922-05-16/p044.json
Cite: GA 80a/1922-05-16/p044 · edition original