2. Die Anthroposophie als Erkenntnis- und Lebensgut
Meine sehr verehrten Anwesenden! Als im Herbste des vergangenen Jahres das Goetheanum in Dornach noch vor seiner eigentlichen Fertigstellung Herbstkurse über die verschiedenen Wissenschaften und über verschiedene Zweige des menschlichen Lebens veranstaltete, da war es das Bestreben, nicht ausschließlich Geisteswissenschaft als solche bei diesem Kurse zur Geltung zu bringen, sondern die einzelnen Wissenschaften selbst sich so aussprechen zu lassen, dass dasjenige zutage treten musste, was sie selbst als Befruchtung durch die Geisteswissenschaft erfahren können. Deshalb wurde Wert darauf gelegt, dass bei dieser Veranstaltung Fachleute aus den einzelnen wissenschaftlichen Gebieten zur Sprache kamen, zur Aussprache kamen und auch Persönlichkeiten des praktischen Lebens, des kommerziellen, des industriellen und so weiter, also des durchaus praktischen Lebens. Es war eben der Gedanke dabei, dass diejenigen Menschen, die entweder auf der einen Seite in der Wissenschaft selber drinnenstehen, oder diejenigen, welche die Härten und Aufgaben des Lebens kennengelernt haben und die zu gleicher Zeit wirklich eingedrungen sind in dasjenige, was im Goetheanum in Dornach als Geisteswissenschaft zutage treten soll, dass diese sich über die Erfahrungen aussprechen können, die sie mit der Einführung der Geisteswissenschaft in ihr besonderes Fach machen können. Es ist aber auch damit zur Geltung gebracht worden, worinnen der eigentliche Ursprung der durch das Goetheanum vertretenen anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft zu suchen sein soll. Es handelt sich bei dem, was da zur Vertretung gelangen soll, nicht um irgendetwas, was auch nur im Entferntesten die Absicht hat, etwa, sagen wir, irgendeine neue Religion gründen zu wollen. Es handelt sich auch nicht darum, irgendeine sektiererische Bewegung in Szene setzen zu wollen, sondern der Ausgangspunkt der Geisteswissenschaft ist durchaus aus dem wissenschaftlichen Leben der neueren Zeit und insbesondere der Gegenwart herausgeholt.
Cite:
GA 80b/1921-01-28/p003 · edition original