2. Die Anthroposophie als Erkenntnis- und Lebensgut
Aber diese Erfahrung des Wissenschafters erscheint demjenigen, der selber im wissenschaftlichen Leben drinnensteckt, durchaus begreiflich, begreiflich aus dem Grunde, weil, wenn man gerade mit den modernen Methoden immer weiter und weiter arbeitet, man eigentlich nicht, wie man vielleicht erwarten könnte, zu einer Lösung von wichtigen Lebens- und Menschenrätseln kommt. Wenn man das glaubt, gibt man sich einer Illusion hin. Im Gegenteil, derjenige, der ganz unbefangenen Sinnes sich hineinbegibt in das Wissenschaftliche, mehr, möchte ich sagen methodisch forscht, insbesondere derjenige, der nicht nur einseitig, sagen wir, Naturwissenschaft treibt, sondern der dann vielleicht die naturwissenschaftliche Forschungsweise auch auf die Geschichte, auf die sogenannte Geisteswissenschaft herüber übertragen will, er findet durchaus, dass sich nicht etwa Lösungen ergeben, sondern dass die Zahl der Rätsel immer größer und größer wird. Man lernt eigentlich erst erkennen, wie rätselhaft diese Welt, die uns umgibt, ist, wenn man sie gerade durch die Methoden der neueren Wissenschaft kennenlernt. Aber eines muss man doch anerkennen, wenn man sich gewissermaßen innerhalb des Forschens auf sich selber besinnt: Was ist es denn, was sich da — sagen wir — gleichgültig ob wir im Laboratorium forschen oder auf dem astronomischen Observatorium oder in der Klinik, was ist es denn, was wir da anwenden? Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, wie sehr sich auch manche, ich möchte sagen durch einen radikalen Materialismus darüber täuschen mögen, es ist trotzdem gar nicht einmal eine sehr hohe, sondern eine sogar triviale Wahrheit, dass man, wenn man wissenschaftlich forschen will, Geist anwenden muss, dass in irgendeiner Weise der Geist im Menschen tätig sein muss.
Cite:
GA 80b/1921-01-28/p006 · edition original