2. Die Anthroposophie als Erkenntnis- und Lebensgut
Lassen Sie mich Ihnen ein Beispiel angeben, das Sie auch in der gewöhnlichen Literatur finden können. Ein Professor der Zoologie geht auf der Straße. Er geht an einer Buchhandlung vorbei, sieht in das Schaufenster hinein und schaut ein Buch über niedere Tiere. Der Buchtitel ist irgendetwas über die niederen Tiere. Und sehen Sie, dem guten Professor passiert es — man soll sich nur vorstellen: ein Professor der Zoologie! Dem passiert es, indem er sich diesen Buchtitel ansieht — es ist ein ganz ernster Buchtitel über Regenwürmer oder dergleichen —, dass er anfangen muss zu lachen. Also, ein Professor der Zoologie, der über einen vielleicht ganz ernsten Buchtitel lachen muss! Er kann das selber gar nicht fassen. Da kommt er darauf, sich zu sagen: Ich werde vielleicht die Augen zumachen, um dadurch vielleicht zu ergründen, warum es mir passieren muss, dass ich bei diesem ernsten Buchtitel lache. Er macht die Augen zu. Und siehe da, indem er nicht sieht, hört er besser. Und er hört ganz in der Ferne eine Melodie, die ein Drehorgelmann spielt. Und jetzt kommt er darauf: Vor Jahrzehnten hatte er sein erstes Tänzchen auf diese selbe Melodie, die jetzt der Drehorgelmann spielt, getanzt. Das, was er damals erlebt hatte, das ist ihm seither nicht wieder ins Bewusstsein gekommen, das hat unten im Bewusstsein ein ungekanntes Dasein geführt. Aber jetzt, wo er auf einen Buchtitel hinschaut, da hört er und hört nicht — so in einem Zwischenzustand zwischen Hören und Nichthören —, da kommt ihm wiederum das in Erinnerung durch diese Melodie. Und da muss er lächeln, wie er damals gelacht hat, als er seine Tänzerin vor sich hatte und er auf dieselbe Melodie sein erstes Tänzlein getanzt hat.
Cite:
GA 80b/1921-01-28/p023 · edition original