2. Die Anthroposophie als Erkenntnis- und Lebensgut

GA 80b/1921-01-28/p069 ·1921-01-28 · original (original)
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Aber — meine sehr verehrten Anwesenden — die verschiedenen Zeiten brauchen aus ihrem Geistigen heraus selber über alle Dinge der Welt solche Auffassungen, wie sie sich eben aus dem Zeitalter heraus ergeben. Deshalb darf ich es auch immer wieder erzählen: Ich sprach einmal über das Thema «Bibel und Weisheit» in einer süddeutschen Stadt, die heute nicht mehr in Süddeutschland liegt. Es waren in diesem Vortrage auch zwei katholische Theologen. Es war gerade in diesem Vortrag nicht irgendetwas, was sie irgendwie anfechten konnten. Sie kamen zu mir und sagten: «Nun ja, was Sie gesagt haben — wir könnten es ja auch unterschreiben, aber so wie Sie es sagen, das können wir nicht zugeben. Denn das ist nicht für alle Menschen, das ist für einige vorbereitete Menschen. Wir aber sprechen für alle Menschen.» Ich konnte dazumal nur sagen: Hochwürden, dass Sie meinen, Sie sprechen für alle Menschen, das ist selbstverständlich. Das entspricht demjenigen natürlichen Gefühl, das wir eben als Menschen haben müssen. Aber durch dasjenige, was Geisteswissenschaft ist, arbeitet man sich allmählich zu einem anderen Standpunkte durch. Man kommt von sich los. Man glaubt nicht mehr, die Dinge so gestalten zu können, wie man sie innerhalb der Umgebung gestalten will. Man lernt hinschauen auf dasjenige, was die Zeit fordert, was die objektiven Tatsachen fordern. Und da frage ich Sie jetzt, was die objektiven Tatsachen fordern, wie Sie das behandeln. Das bleibt durchaus bestehen, dass Sie glauben, Sie reden für alle Menschen, aber das entscheidet ja nichts. Es entscheidet nur, ob alle Menschen noch zu Ihnen gehen in die Predigt. Und sehen Sie, da können Sie nicht mit «Ja» antworten. Es gibt unter denen, die nicht in die Kirche gehen, auch solche, die den Weg sonst wo suchen. Nicht zu denjenigen, die zu Ihnen in die Kirche gehen, spreche ich, sondern zu denjenigen, die eben auch den Weg zum Christentum haben wollen, und die nicht zu Ihnen gehen. Das ist aus den Tatsachen folgend. Dass dies aber durchaus nicht etwas ist, was der Religion Abbruch tut, beweist der Umstand, dass wir in der Waldorfschule unter den gegebenen Zeitumständen den Religionsunterricht von den betreffenden Pfarrern den Kindern erteilen lassen, und nur für diejenigen, die sonst keinen Religionsunterricht hätten, einen Religionsunterricht eingerichtet haben. Wie wir also demjenigen keinen Abbruch tun, [was aus den Zeitumständen heraus gewünscht wird, sondern im Gegenteil, den ‹Dissidentenkinderm› etwas vermitteln], was sie zu einem echten [Religiösen hinführen kann], während sie sonst nichts hören würden in den besten Jahren ihrer Entwicklung von dem Religiösen.

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Cite: GA 80b/1921-01-28/p069 · edition original