2. Die Anthroposophie als Erkenntnis- und Lebensgut
Nun wurde mir doch oftmals gesagt: Wie kann man leicht Suggestionen von Nicht-Suggestionen unterscheiden, von der Wahrheit? Es kann zum Beispiel vorkommen im Leben, dass jemand nur an Limonade zu denken braucht und er hat den Limonadegeschmack im Munde. Ich gebe das ohne Weiteres zu, da man diese Dinge ja kennt. Aber —- meine sehr verehrten Anwesenden —, wer Erkenntnistheoretiker ist, der weiß, dass man ein reales Erlebnis nur durch das Leben feststellen kann. Man kann nur durch das Leben und den Zusammenhang des Lebens feststellen, ob irgendetwas, das wir uns vorstellen, einem Realen entspricht — aber aus dem Zusammenhang des Lebens heraus kann man es auch nur sicher [feststellen]. So ist es auch in Bezug auf die höheren Welten; man kann auch da nur aus dem Zusammenhang des Ganzen heraus es feststellen. Wenn man bei der Suggestion des Limonadegeschmacks übergehen will zu der Totalität des Erlebens, so kann der Vergleich nicht mehr gelten. Man muss jetzt sagen: Schön, wenn man durch Suggestion dazu gelangt, den Limonadegeschmack im Munde zu haben, so kommt die im Grunde genommen berechtigte Frage hinzu, ob schon jemand sich mit einer solchen Vorstellung der Limonade den Durst gelöscht hat? Das werden Sie nicht behaupten können. Da haben Sie den Übergang zu der Totalität der Erscheinungen. Und das ist es, was immer beachtet werden muss: Die Wirklichkeit kann nicht entschieden werden, indem man bei der partiellen Erscheinung bleibt, sondern die Erscheinungen des Lebens haben immer etwas, was ihren Übergang zur Totalität bedeutet.
Cite:
GA 80b/1921-01-28/p091 · edition original